Donnerstag, 15.06.2006

Gestern haben wir die Entscheidung getroffen, die Lofoten auf unserem Rückweg auszulassen.
Heute bereuen wir das ein klein wenig und sind nicht sicher, ob das gestern eine so gute Entscheidung war.
Besonders Anja mag hier aus dem Nordland (so heißt der Landstrich also das „Bundesland“, wo wir uns im Moment befinden) ein paar mehr Eindrücke mitnehmen, als allein die E 6 uns bietet. Wir müssen ja auch ein unverfälschtes Bild einfangen, was einem abseits der „Rennpiste E 6“ geboten wird und ob die Eindrücke uns locken, vielleicht einen späteren Urlaub ebenfalls hier oben zu verbringen.
Die E 6 ist zwar ein nettes „Schlüsselloch“ für die Schönheiten der norwegischen Natur, aber sie ist auch stark befahren und zuweilen recht hektisch.
Also sitzen wir beim Frühstück und überlegen, was wir machen können, damit wir wenigstens heute mal nicht von früh bis spät mehr oder minder nur wieder hinter dem Steuer sitzen. Und wenn doch, wäre es schön, hierbei etwas Abwechslung zu haben.


Wir hatten gerstern schon überlegt anstelle der Lofoten, sozusagen als kleine Entschädigung, mal abseits der E 6 das Land auf uns wirken zu lassen.
Die Norwegenkarte (also die norwegische Straßenkarte vom Tourismusamt Norwegens, nicht die vom ADAC) hat hierfür eine Lösung parat.
Die Strecke über die Lofoten war „als besonders sehenswert“ eingestuft. Das wussten wir.
Aber ganz in unserer Nähe haben wir eine weitere „sehenswürdige“ Straße, die Bundesstraße (oder Landstraße?) 70, die hier von Fauske aus zunächst Richtung Bodö führt, davor dann aber bei Löding abbiegt und weiter dicht an der Küste entlang führt. Ist offiziell ein Turistveg.

Sehenswert sind hier u.a. die berühmten Saltstraumen, ein Ort an dem der Wechsel von Ebbe und Flut durch mehrere Steinfelder zieht und dabei Strudel und Gezische verursachen soll.
Ich stelle es mir ein wenig wie eine Badewanne vor, wenn man den Stöpsel gezogen hat.
Ob der Eindruck stimmt, wird sich später zeigen, denn wir haben uns entschloßen diese Route heute auszuprobieren.
Ein wenig verrückt ist es schon, denn wir tauschen nun den sicheren Weg der E 6 ein gegen die Langsamkeit einer Überlandstraße, die zusätzlich noch von mindestens 2 Fähren unterbrochen wird.
Ausgerechnet Fähren…
Aber wir sind nur einmal hier und die Route ist wie gesagt als besonders sehenswert eingestuft, na wie würde der Kaiser sagen: „Schau´n mer mal“. Ach ich würd zu gern wissen, wie die WM läuft…

Aber bevor wir abfahren müssen wir noch entsorgen. Da wir nicht wissen, wie weit wir heute kommen werden und ob wir an der B (oder L?) 17 auch einen CP finden, müssen wir zumindest theoretisch bereit sein auch notfalls die kommende Nacht frei zu stehen.

Ich mache mich also los und suche die V/E- Stelle (V/E heißt übrigens Ver- und Entsorgung).
Ich folge zwar den Piktogrammen auf dem Platz, kann aber keine V/E entdecken. Ich laufe ein paar Mal im Kreis und stehe immer wieder auf einem Betonplatz. Aber eine V/E… Nirgends…
Also latsche ich mit halb vollem Pippitank mal rüber zur Rezeption. Hier war ich übrigens heute morgen nach dem Duschen schonmal, hatte gehofft es gäbe vielleicht Brötchen, aber leider komplette Fehlanzeige…
Der ältere Herr erklärt mir, dass das Betonfeld die V/E ist.
HÄH?
Ja richtig gelesen, man muss in der Mitte des Betonrondells die Bodenluke öffnen und dann kann man in das sich auftuende Loch sein Abwasser und seinen Pippitank leer machen.
Na bravo. Ich also zurück auf das Plateau und tatsächlich: Wie ein überdimensionaler Pfropfen aus der Badewanne ist da ein Bodeneinlass, ich öffne ihn und muss erstmal ein paar Schritte zurück weichen!
Dieses blumige aber gleichzeitig faulige Aroma ist zu stark für meine verwöhnte Nase, das ist das ekelhafteste, was ich bisher als Camper erlebt und gerochen habe.
Mit angehaltenem Atem entsorge ich den Tankinhalt im den Bodeneinlass, die Grube (die sich hier hoffentlich unter uns befindet) ist proppenvoll, denn ich höre das Geplätscher von unten, ohne das viel Zeit bis zum „Aufschlag“ vergeht. Es spritzt sogar nach oben. Uargh, also wenn das das wahre Camperleben ist, na dann Gute Nacht Marie, dann werde ich ab morgen wieder Hotelschläfer…

Nach dem entsorgen bekomme ich das Bedürfnis erneut zu duschen, aber dafür reicht die Zeit einfach nicht.
Also nehme ich mit einer gründlichen Reinigung in den Duschräumen vor und kehre zurück zum Wohnmobil.
Der Wasseranschluss (den einzigen den ich finden konnte) war übrigens auch in Höhe der Entsorgung. Wenn ich mir vorstelle, dass vielleicht vorher so manch einer seinen Pippitank am Wasserhahn hatte, um diesen durchzuspülen, dann mag ich hier kein Wasser entnehmen. Die Anzeige zeigt uns noch 2 Dioden (von 3), das sollte also reichen. So haben wir nur „entsorgt“ und verzichten auch das Versorgen und rollen gegen halb 12 vom Platz.

    
Turistveg und Saltstraumen: OK! Aber nur 0,4km bis Rom ???

Die berühmten Saltstraumen erreichen wir gegen 12:15 Uhr. Leider passt ein guter Spruch auf die aktuelle Situation:
Frei nach dem Motto „Erstens hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu“, müssen wir gleich 2 unschöne Dinge bemerken. 1. Es regnet. Schon wieder! Und das verdirbt mir mächtig die Laune. Ich mag das nicht, Regentage sind Fahrtage, aber heute sollte ein Erlebnistag werden! 2. Die Saltstraumen „straumen“ leider nicht, denn es ist derzeit kein Gezeitenwechsel.
Der letzte war irgendwann heute Nacht, der nächste ist erst wieder gegen Nachmittag. Eine Infotafel informiert praktischerweise über die Gezeiten. Nur so lange können wir nicht warten. Also muss die Phantasie den Rest machen: 1. Das schöne Wetter dazu denken, 2. die Straumen auch wirklich straumen lassen.
Ein paar Bilder machen wir trotzdem, vielleicht sieht jemand von euch mit genug Phantasie, was ein Saltstraumen so alles kann…

         
Das sind sie also…                                                                 Die berühmten Saltstraumen bei Regen 🙁

         
Da gurgelt nichts…                                                                 …da sprudelt nichts…

         
Nur Anja hat ihren Spass…                                                    …krabbelt und kraxelt im Regen auf den nassen Felsen herum

Weiter geht es auf dem „Turistveg“. Sicherlich ist dieser bei schönem Wetter sehr sehenswert. Aber durch den Regen heute kann ich dem Turistveg nicht wirklich etwas schönes abgewinnen.
Zwar sind einige Stellen wirklich toll, aber anhalten und aussteigen, das mag ich dann doch nicht. An dieser Stelle bereue ich es schon wieder, dass wir bei diesen Wetteraussichten nicht doch die schnellere E 6 genommen haben.

         
Der Turistveg bei Regen                                                          Schöne Landschaft, aber bei „grau in grau“ nicht so toll…

Zum Glück wird auch hier das Wetter irgendwann besser. Ein Lichtblick.
Die Wolken bleiben zwar dicht gepackt, aber wenigstens hört es auf zu regnen.
Unterwegs haben wir wieder schöne Ausblicke auf die Natur und erfreuen uns an so mancher Schönheit.
Für Gesprächsstoff sorgt ein kleiner LKW, der ein Bushäuschen transportiert. Das ist mal kurios und witzig.
Wir albern herum und stellen uns vor, dass man hier anstelle eines richtigen Linienbusses auch durchaus mit einem einzigen Bushäuschen hinkommen kann, wenn man dieses jeweils an die Haltestelle stellt, wenn der Bus kommt.
So spart man sich die Kosten an jeder Haltestelle extra ein Bushäuschen hin zu stellen.

    
Bushäuschen unterwegs…

Gegen Mittag halten wir an einem Supermarkt an und decken uns mit einigen Lebensmitteln ein.
Unsere Vorräte waren aber auch nicht mehr die besten. Subjektiv habe ich übrigens den Eindruck, dass die Lebenshaltungskosten hier in Norwegen teurer sind, als in Schweden. In Finnland war es sogar noch günstiger.
Was machen die Norweger eigentlich mit dem ganzen Geld, was sie vom Öl bekommen?
Vernünftige Tunnel bauen sie nicht, Sprit ist teurer, als in Ländern ohne eigene Ölfelder und das Leben ist durch den Kauf der teuren Grundnahrungsmittel (außer vielleicht Brot) nach meiner Meinung sehr kostspielig.

Wir wollen eine weitere kurze Regenpause nutzen und uns ein nettes Plätzchen draußen suchen, wo wir ein kleines Picknick halten können. Das haben wir nämlich auch noch nicht gemacht.
Idealerweise ist direkt neben dem Supermarkt auch ein nettes Plätzchen direkt am Strand. Hier gibt es Bänke und eien schönen Sandtrand mit einem tollen Ausblick über den Fjord und die Berge.
Auch unser „Bushäuschenfahrer steht auf dem Platz und macht hier eine Pause…“

Aber als wir dann versuchen uns am Strand nieder zu lassen, müssen wir leider auch diesen Plan verwerfen. Der Regen ist zwar weg, dafür ist der Wind so stark, dass er uns den Sand vom naheliegenden Strand in die Augen treibt.
Ach wie ist das schade und gemein.
Dieser Platz, den wir hier gefunden haben, wäre wirklich ideal für ein Picknick gewesen.
Schöne Ecke, ruhig, blaues Wasser, sattes Grün und eine tolle Aussicht über Fjord, Berge und Meer.
Nur das Wetter spielt wieder mal nicht mit. ich versuche es zwar mich an einer der Bänke nieder zu lassen, aber der Sand wird so kräfitg vom Strand zu uns herüber gepustet, dass ich mir sogar den Hals mit der Hand schützen muss, weil der Sand auf der Haut brennt.
Wir verlegen dann frustriert das Picknick und die Pause ins Womo, es ist etwa halb 2.

    
Ein Picknick an diesem tollen Strand, das wäre doch was !!   🙂

         
So: ich mit Futter und Co unterwegs zum Strand                     Leider ist durch den Wind der Platz für Picknick völlig ungeeignet.

Besonders beliebt scheint der Turistveg bei Touristen nicht zu sein. Wir sind ja schon vielleicht 2 Stunden hier unterwegs und haben außer uns noch nicht viele andere Touristen gesehen. Wohnmobile sogar noch gar keins, mit einer Ausnahme: Ein deutsches (war ja klar…) ADAC- Mietmobil. Sind sicherlich schicke Teile, aber von weitem schon als Mietmobil zu erkennen, da ist mir unser diskreter AutoRoller 2 deutlich lieber.

Sonst ist es hier aber wirklich ruhig, entweder hat sich die Route über die L 17 noch nicht rum gesprochen oder die Route ist nur als „Turistveg“ deklariert, damit sich ein paar Touristen auch mal wirklich in diese verlassene Gegend verirren.
Gut, ok, die Gegend ist ein wenig schöner, als auf der E 6, aber im großen und ganzen ist das Quentchen „Schöner“ bis jetzt noch nicht den Mehraufwand an Umweg und Fährkosten wert.
Na mal sehen, was noch kommt, nach unserem Picknick geht es jedenfalls erstmal weiter.

Und kaum haben wir unseren ersten Eindruck gefestigt, da werden wir auch schon eines Besseren belehrt.
Denn unvermittelt kommt nach einer Bergfahrt im kleinen Ort Svartisen bei Meloy (Melöy) ein wunderschöner Aussichtspunkt direkt mit Blick auf einen Fluss oder Fjord und das angrenzende Gebirge.
Selbstredend, dass wir auch hier einen Stop einlegen. Der Parkplatz ist recht groß und so ist es nicht verwunderlich, dass wir hier in Svartisen zum ersten Mal auch eine größere Ansammlung von Wohnmobilen, Campern und Touristen begegnen.
Neben wirklich sauberen öffentlichen Toiletten ist ein Info- Pavillion vorhanden, der über touristische Möglichkeiten informiert.
Hierzu zählen unter anderem Bergsteigen und Bergwandern, Boots- und Kanufahrten sowie Ausflugsfahrten in die Region.

Hier gefällt es uns, es ist bei weitem nicht so windig, wie noch zuvor direkt an der Küste und auch zum gucken ist es ideal, weil es mittlerweile vollends mit den Regen aufgehört hat.

So mag ich auch wieder froh darüber sein, dass wir uns für den Turistveg entschieden haben.
Es ist schon komisch, ich hatte vor einiger Zeit mal Norwegen das Land der absoluten Extreme genannt, weil sich hier so viele Eindrücke auf engstem Raum verteilen.
Jetzt im Moment könnte man auch sagen, dass wir in Österreich an einem Bergsee stehen. Die frischen und grünen Wiesen um uns herum, die Blumen, die Berge… alles das könnte auch aus einem Heidi- Film stammen, es würde trotzdem passen.

         
Kurze Pause bei Svartisen:                                                     …Grüne Wies´n

         
…hohe Berge…                                                                   …und eine „Almhütte“. Alles da!

Nachdem wir uns in Svartisen etwas ausgeruht haben (die Pause an der frischen Luft ohne Regen hat richtig gut getan!), geht es gegen kurz nach 3 auch schon weiter. Etwa die Hälfte des landschaftlich reizvollen Weges haben wir zurück gelegt.

Die erste Minifähre an diesem Tag erreichen wir gegen 15:30 Uhr.
Diese verbindet Foröy mit Tjong miteinander (das könnte vom Namen her auch in China sein…). Die Fahrt selbst ist nur kurz, wir müssen nichtmal aus dem Wohnmobil aussteigen. Würde auch keinen Sinn machen, denn das ist nur eine einfache (hochseetaugliche) Fähre, die nur hin und her pendelt und dabei ganz schön schaukelt.
Leider hat es auch schon wieder angfangen zu regnen und etwas Nebel ist ebenfalls aufgezogen.

    
Fähre Nummer 1: Foröy – Tjong

Das Wetter wird sogar noch schlechter und der Nebel etwas dichter.
Es ist zwar nicht so schlimm, dass man nichts sehen würde (dafür ist der Nebel zu hoch), aber er versperrt die Weitsicht und die Sicht auf die höher liegenden Bergspitzen und die ausufernden Fjorde.
So macht der Turistveg natürlich wenig Spass. Der Scheibenwischer bestimmt somit den neuen Tagesrythmus und dieser sieht bei schlechtem Wetter nunmal nach Fahren aus. Da setze ich mich durch. Anja kuschelt sich in ihren Sitz, mummelt sich ein.
Was besseres kann man bei dem Wetter eh nicht machen. Beide lauschen wir die nächsten paar Stunden einem Hörbuch, weil wir hier oben kaum bis keinen Radioempfang haben. Nicht das wir was verstanden hätten, aber es ist nunmal die einzige Kontaktquelle zur Welt „da draußen“. Der Regen scheint wirklich auch noch die letzten Besucher des Turistveg vertreiben zu haben. So ganz anders als auf der hektischen E 6 hat man hier wieder Abschnitte, wo einem 30 Minuten lang kein Fahrzeug entgegen kommt.

Erst gegen frühen Abend wird es wieder „lebendiger“. Wir erreichen die zweite Fähre für diesen Tag. Diese fährt deutlich länger und verbindet auf dem Seeweg die Städte Jektvik (schon wieder was mit v…) mit Kilboghamn.
Die Fähre selber wird ebenfalls von der Hurtigroutengesellschaft betrieben, das Ticket für die Überfahrt kostet für das Wohnmobil 132 Kronen und für uns als Person 21 Kronen.
Auch hier haben wir Glück mit der Fähre, wir müssen zwar etwas warten, aber gegen 18 Uhr nach etwa 15 Minuten Wartezeit ist es dann soweit, wir befahren die Fähre.
Hier lohnt sich dann auch das Aussteigen, denn hier auf der Fähre kann man einen Imbiss zu sich nehmen und sich auf dem Oberdeck die Fjorde anschauen.
Ist wie eine kleine Kreuzfahrt. Schade, dass es noch immer so stark regnet und der Nebel die Aussicht vom Oberdeck versperrt.
Als Entschädigung gibt es für uns aber dann 2 leckere Hot-Dogs, die wir uns im bordeigenen Imbiß kaufen können. Zwar nicht ganz billig, aber ehrlich gesagt ist mir das egal.
Es ist die erste „externe“ Mahlzeit seit ein paar Tagen, die wir uns gönnen. Da sollte man auch nicht so kleinlich sein.
Und noch etwas möchte ich erwähnen: Auf dem Schiff gibt es einen Fernseher und es läuft Fussball!
Na endlich kann man mal einen Blick nach Deutschland erhaschen, zumindest das innere eines Stadions sieht noch so aus, wie wir es vor vielleicht (wie lange sind wir schon unterwegs…?) äh, etwa 15 Jahren verlassen haben.
Anja wundert sich über die kleinen bunten aber dafür um so mehr schwitzenden Männlein da in Stadion. Auch Frauen (merkwürdigerweise im Bikini…) treiben sich da herum. Muss warm sein, schwer vorstellbar bei unseren 17°C und Regen…

Blöd nur, dass das Schiff erheblich mit den aufgebrachten Wellen zu kämpfen hat, es schaukelt ganz enorm.
Dadurch hat wohl auch der Satellitenreceiver so sein Problemchen, denn das Bild wechselt von „Flüssig“ auf „Dia-Show“, dann auf „No-Signal“, dann wieder auf Dia und Flüssig. Aber immerhin, besser als nichts…

Wir legen ab und ich freue mich, dass es nun endlich los geht. Ich drehe eine Runde auf dem Schiff, um mich zu orientieren, aber auch um die müden Beine mal eine Runde zu bewegen, immerhin haben wir eine gut 2,5 Stunden-lange Nebel- und Regenfahrt hinter uns.

Anja ruft mal zuhause an. Sie möchte nun endlich wissen, was es denn so von zuhause neues gibt. Jetzt, wo ihr im TV „Standbilder“ vom heimischen Fussball gesehen haben, erwacht auch in ihr der Drang mal kurz nach hause zu horchen und den ersten Anflug von Heimweh zu stillen.
Anjas Vater berichtet von einer tollen dt. WM im eigenen Land. Gäste und Gastgeber wären gleichermaßen gut gelaunt und die Spiele würden einen allgemeinen Wohbefindlichkeitsschub auslösen „es ist alles ganz toll hier“…
Anja berichtet auch von unserem stürmischen Wetter der vergangenen Tage und bekommt die Info, dass es zuhause 30°C sind und die Sommersonne lacht. Ohne Klimaanlage sei es gar nicht auszuhalten.
Für uns hier in den stürmischen Fjorden nur schwer vorstellbar, aber na gut, was solls. Wir sind ja auf dem Weg gen Süden und wenn wir uns etwas beeilen, können wir vielleicht in Dänemark oder Norddeutschland auch noch ein wenig vom Supersommer 2006 miterleben. Wir beide fangen an die Sonne zu vermissen, also die richtige Sonne!
Hell ist es hier auch trotz Sturm, aber wir wollen Sonnenstrahlen, blauen Himmel und keine Wind- und Wolkeninvasionen.

Irgendwas stimmt nicht, der Wind wird stärker, aber das ist es nicht! Wir sind auf das offene Wasser raus gefahren und scheinen nun auf dem Wasser still zu stehen.
Zuerst will ich es nicht glauben, aber eine kleine zu uns benachbarte Insel verharrt schon seit Minuten unbeweglich am Seitenfenster. Was ist denn da blos los?
Sofort ist meine Phantasie auf 180… „Bestimmt ist es ein Maschinenschaden und wir treiben ab“, nein besser: „Es ist ein Maschinenschaden und wir kommen nicht vorwärts, gleich kommt die Durchsage, dass wir wieder anlegen müssen, weil wir wegen „schwerer See“ nicht vorwärts kommen“.
Und tatsächlich! Nach weiteren Minuten regungslosen Verharrens setzen wir wieder zurück in Richtung Anleger!
Das kann ja heiter werden! Ich sehe uns schon die ganze Strecke bis Fauske zurück fahren, um dann dort auf die E 6 aufzufahren…
Dann aber erkennen wir den Zusammenhang… Unsere große Fähre hat am Anleger Platz gemacht für eine kleinere Fähre.
Die kam angefahren, kurz nachdem wir abgelegt hatten. Ich dachte noch, dass das ja gut getimt wäre mit den Slotzeiten, dann aber die besagte Überraschung. Die kleine Fähre legt wieder ab, nachdem sie ihre Fracht ausgespuckt hat.
Dann legen wir wieder an und nehmen einen Teil der Passagiere und Fahrzeuge auf, die gerade die kleine Fähre ausgespruckt hat.
Na bravo! Das hat mal richtig Zeit gekostet, aber egal, dann pennen wir eben nachher in der Wildnis…
Kaum haben wir alle eingesammelt geht es mit Volldampf voraus in Richtung Kilboghamn. Die Motoren der Fähre sind kraftvoll und kämpfen sich souverän durch die schwere See. Meine Bedenken von vorhin die Maschinen könnten für diesen Seegang zu klein sein erweisen sich als unbegründet. Wir nehmen in der Aussichtslonge wieder Platz und versuchen uns durch die Nebelwand eine schöne norwegische Fjordlandschaft vorzustellen…

Ach ja! Während dieser Überfahrt überqueren wir wiedern den Polarkreis! Wir können also nicht genau sagen, was Norwegen für die Nordfahrer an Überraschungen am Polarkreis bereit hält. Nach Lektüre einiger Reiseberichte im Internet allerdings weiß ich, dass Norwegen weit weniger am Polarkreis zu bieten hat. Finnland hat mit dem Artic Circle Center und dem Weihnachtsmanndorf deutlich mehr an reinen Informationen und touristischen Highlights.
Daher sind wir auch nicht traurig drum, dass wir den Polarkreis ohne viel aufhebens irgendwann während unserer Schiffsreise passieren. Es kommt noch nicht mal eine Durchsage…

         
Endlich auf einer richtigen Fähre…                                           So sieht es in der Lounge aus

         
Hier die kleine Fährem auf die wir warten mussten                    Endlich Land! nach einer Stunde Seefahrt…

Die Überfahrt hat mitsamt dem Wartezeiten auf die andere Fähre etwas mehr wie 1 Stunde gedauert. Für meine Begriffe mal wieder viel zu lang.
Es ist nunmehr 20 nach 7, als wir endlich von der Fähre hinunter fahren.
Noch auf dem breiten Hafengelände überhole ich 2 offenbar zusammen gehörende Knaus- Wohnmobile, die mir vorhin schon mit 70 km/h vor der Nase umher gefahren waren.
Dadurch schaffe ich es mich als erster hinter die PKW einzuordnen, die vom Schiff gefahren waren. Anja ist mutzelig darüber, aber das ist mir egal, denn ich will endlich wieder vorwärts kommen.
Und der Erfolg gibt mir Recht! Denn schon nach der nächsten Kurvenkombi sind die beiden Knaus aus dem Rückspiegel verschwunden. „Hasta-la-vista, Babyyy!“ hehe, so kann das von mir aus immer gehen…

Wo schlafen wir denn nun heute Nacht?
Die Karte weist den nächsten Platz erst wieder in Mosjoen aus.
Das ist ziemlich weit. Von hier aus über die Landstraße 17 etwa 170km geschätzt.
Und wir wären gezwungen eine weitere Fähre bei Nesna-Levang in Anspruch zu nehmen, wenn wir der L 17 weiter folgen wollen. Die Alternative wäre ab Sjöneidet bzw. Utskarpen von der L 17 in Richtung Landesinnere abzubiegen und dann der L 12 folgend bei Mo I Rana wieder auf die E 6 zu fahren.
Das wäre in etwa ein Umweg von 30km, würde aber vermutlich schneller gehen. Oder doch nicht?
Also was tun? Fähre und 30km sparen, oder Umweg und dafür eventuell schneller vorwärts kommen.
Die Karte trifft die Entscheidung.
Denn der Norwegenkarte ist zu entnehmen, dass der sehenswerte „Turistveg“, auf dem wir uns ja gerade befinden, genau an der Stelle endet, wo wir uns für eine weiterführende Straße entscheiden müssten.
Also wenn es auf der L 17 nichts mehr zu sehen gibt, dann ist es für mich klar!
Ab auf die L 12, die 30km Umweg gefahren und bei Mo-i-Rana wieder auf die E 6…

Anja stimmt mir zu, selbst wenn die L 17 weiter „sehenswert“ wäre, es würde bei dem anhaltend schlechten Wetter eh keinen Sinn mehr machen.
Und so biegen wir bei Sjöneidet bzw. Utskarpen auf die E 6 ab.
Hat auch einen weiteren Vorteil, denn auf der E 6 ist auf halbem Weg nach Mosjöen ein Campingplatz bei Korgen eingezeichnet und wir brauchen ja auch noch einen Schlafplatz.

Auf der L 12 und der E 6 kommen wir erstaunlich gut voran, es ist wenig los.
Liegt aber bestimmt auch daran, dass wir schon 8 Uhr durch haben.
Der Campingplatz in Korgen hatte übrigens zu und so haben wir uns dort nicht lange aufgehalten. Der Regen eben…
Statt dessen setzen wir nun alles auf eine Karte und versuchen den in der Norwegenkarte und in der Campingkarte vom ADAC eingezeichneten empfohlenen Platz bei Mosjöen zu erreichen.
Die Geschwindigkeit liegt „großzügig“ ausgelegt im Rahmen des zulässigen Limits, so rauschen wir durch den Abend.
Ein Glück, dass es auch hier viel weiter südlich noch immer nicht so recht dunkel zu werden scheint.
Anders könnte man aber auch gar nicht fahren, man würde unweigerlich bei einsetzender Dunkelheit müde werden. Hier ist davon aber keine Spur.

Den Stadtrand von Mosjöen erreichen wir gegen kurz nach 22 Uhr, auf Anhieb finden wir an der Ortseinfahrt einen ausgeschilderten Campingplatz. Der Platz liegt zwar mit der Nähe zur Hauptstaße und zu einer Tankstelle relativ geräuschintensiv und es ist auch keinerlei Abgrenzung zur angrenzenden Straße oder dem Bürgersteig vorhanden, aber dafür hat dieser Platz auch einen entscheidenden Vorteil: Er liegt perfekt in der Nähe Fussgängerzone von Mosjöen, diese können wir bestimmt locker in 10 Minuten zu Fuß erreichen!
Die Daten des Platzes: N8657 Mosjoen, Mosjoen Camping.

Wir haben sogar Glück, gegen 22:15 stehen wir an der Rezeption, in 15 Minuten wäre hier Schicht gewesen.
Also perfekt!
Schnell eingecheckt (Übernachtung mit Strom kostet 180 Kronen) und einen schönen Stellplatz etwas abseits ausgesucht.
Man muss hier nichtmal zum Haupteingang raus, man kann einfach über die Wiese gehen und ist sofort auf dem öffentlichen Bürgersteig. Gar nicht mal schlecht. Wenn auch durch die „freie Begehbarkeit“ wieder ein paar Bedenken in mir hoch kommen, ob das ganze so sicher ist. Aber wird schon.

Nachdem wir uns eingerichtet haben, überlegen wir, was wir noch machen können.
Wir entscheiden uns für einen Regenspaziergang. Es ist noch immer hell genug.

Also packen wir uns in die dicken Regenklamotten, jeder von uns greift sich einen Schirm und dann geht es auch schon los Mosjöen zu Fuß zu entdecken!
Zu unserem Glück hat der Regen gerade aufgehört, wir können erstmal ohne Schirm laufen und die frische Luft genießen.
Ah, tut das gut! Die frische norwegische Luft ist so kurz nach dem Regen noch ein bisschen frischer, als sie es soweiso schon ist. Uns kommt eine Gruppe Jugendlicher mit prall gefüllten Tüten voll Pommes entgegen, Mjam, bei dem Anblick läuft mir schon das Wasser im Mund zusammen, das wäre jetzt genau das richtige!

Die ersten Schritte tun noch weh, dann aber geht es mit Elan in die Stadt.
Zumindest fast…
Denn wir verlaufen uns am Kreisel, wo wir eben noch abgebogen sind, weil wir das Schild zur Innenstadt falsch interpretieren.
So ein Mist, wir überqueren eine Brücke und stehen plötzlich in einem Gewerbegebiet. So haben wir uns das nicht gedacht.
Da fäht man mit dem Wohnmobil tausende Kilometer ohne sich ein einziges Mal zu verfahren, aber kaum latscht man zu Fuss durch eine fremde Stadt: Boing, hat man sich verlaufen…
Zu allem Überfluss fängt es nun sogar wieder an zu regnen. Ach das musste ja so kommen.
Aber wenigstens haben wir einen Schirm dabei.

Den Weg zum Zentrum finden wir irgendwann wieder, der kleine Exkurs in das Industiegebiert von Mosjöen hat eine knappe Stunde gedauert.
Nun erreichen wir Mosjöen von der anderen Seite und durchqueren es einmal der Länge nach.
Obwohl heute ein normaler Arbeitstag war und morgen ja auch wieder einer ist, sind die Bars und Restaurants auch abends um 23 Uhr noch proppenvoll. Hier ist richtig was los auf den Straßen, es gehen viele Leute umher.
Wir sind beeindruckt und haben das nicht erwartet. Ob das an der Helligkeit liegt und die Leute nicht schlafen können?
Es gibt hier sogar eine „Jugendszene“, wir weden des öfteren von getunten Autos überholt, die laute Bassmusik aus den Autos auf die Straße schicken. Zu stören scheint es keinen.
in der Stadt finden wir dann sogar endlich die kleine Imbissbude, die den Jugendlichen vorhin die Pommes verkauft haben muss. Leider hat der Laden schon zu. War ja klar. Das ist die „Belohnung“ dafür, dass wir uns vorhin verlaufen haben und das Zentrum von Mosjöen einmal weiträumig umrundet haben…
Das wohl unklügste war die „Flussseite“ zu wechseln, der Campingplatz ist auf der gleichen Uferseite, wie die Innenstadt.

Kurz vor dem Stadtzentrum (wir kommen ja nun von der anderen Seite) findet sich an der Touristeninfo auch ein großer Besucherparkplatz. Hier stehen 2 große niederländische Wohnmobile. Kostenlos…
Viel schlechter als wir stehen die hier auch nicht. Aber ich beklage mich nicht, wir haben für morgen früh wenigstens fließend Wasser und Strom für die Nacht haben wir auch.
Eines der beiden Wohnmobile hat übrigens eine Satellitenanlage auf dem Dach ausgefahren, dass man meinen könnte die würden damit im Rahmen des SETI- Programms ins Weltall nach extraterrestischen Signalen suchen.
In Wahrheit schauen die Niederländer Fussball, aus dem Inneren dringen die typischen Geräusche eines Fussballspieles nach draußen.
Nachher, wenn wir wieder am Womo sind, will ich es mit unserer kleinen Suppenschüssel auch nochmals versuchen, vielleicht bekommen wir ja doch noch TV- Empfang…

         
Mosjöen am Abend bei Regen: Alte Tankstelle                           ein Garnhuset

         
Blick in die Straßen                                                                 und Impressionen vom Regen

         
kleine Seitenstraßen                                                               und unsere Tankstelle am Ortsanfang

Nachdem wir viele offene Bars unterwegs entdeckt haben, wir jedoch mangels Energie dort nicht vorbei geschaut haben, machen wir uns, diesmal auf dem direkten Weg, zurück zum Wohnmobil.
Der Regen hat noch ein ganz besonderes Bonbon für uns: Er steigert nochmals kräftig seine Intensität und wäscht uns von oben die Schrime sauber.
Gegen Mitternacht sind wir zurück am Womo.

Wir sind komplett durchgefroren und nass von oben bis unten. Der Regen hat es trotz Schirms irgendwie geschafft die Kleidung zu durchnässen. Auch die Schuhe und die Socken nebst Füßen sind naß. Das Wasser ist in den Hosenbeinen fast bis zu den Knien rauf gezogen, wir können nur hoffen, dass wir morgen keinen Schnupfen haben.

Ich bin so froh, dass wir nach dem langen Marsch endlich wieder das Womo erreichen. Schnell steigen wir ein, feuern die Heizung auf volle Pulle und reißen uns die naßen Klamotten vom Leib.
Ein herrliches Gefühl wieder im Womo zu sein!
Zum ersten Mal seit dieser Reise fühle ich mich in unserem kleinen Schneckenhaus so richtig zuhause!

Man kann sich das vielleicht nur schwer vorstellen, aber wenn man stundenlang in der naßen Kälte draußen umher geirrt ist, sich verlaufen hat und dann endlich das rettende Wohnmobil erreicht, sich einen heißen Tee aufbrüht und allmählich durch die freundlich wärmende Heizung aufgetaut wird, dann ist das einfach nur ein total schönes Gefühl!
Die Heizung ist wirklich ein Unikum. Eigentlich mag ich keine Heizungsluft aus einem „Heizungsklotz“, aber das, was diese Wohnmobilheizung da von sich gibt, das ist richtig warm, mummelig und heimelig. Truma steht übrigens da drauf, das merk ich mir!
Denn das hier ist die erste wirkliche Heizung (mal abgesehen von der luxuriösen Fussbodenheizung zuhause), die mich mit wohliger Wärme umgibt, ohne mir dabei eine trockene Nase zu verpassen oder eckelige stickige Heizungsluft zu verbreiten.

Frische trockene Klamotten und der heiße Tee (Kirsche für Anja, Pfefferminz für mich) dazu macht das „Landhausfeeling“ perfekt.
Ich bereue nichts an diesem Tag! Ich bin froh, dass wir uns verlaufen haben, ich bin froh, dass wir abends um 23 Uhr noch durch eine fremde Stadt gelaufen sind. Ich bin froh, dass ich hier oben fern der Heimat nicht alleine bin.
Es war die beste Entscheidung meines Lebens zu heiraten und es war die beste Entscheidung hier her zu fahren und genau diesen Moment zu erleben und vor allem anderen zu genießen.
Ich hoffe, ich kann mich später noch an diesen Tag zurück erinnern, denn hier waren wir aus einem mir nicht näher bekannten Grund wirklich frei und gleichzeitig geborgen. Heute hat alles gepasst. Danke Gott!

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