Der europäische Rhythmus, dessen Reste wie noch immer in unserer inneren Uhr mit bei uns tragen, hilft uns auch heute weiter. Wir sind früh wach!
Die einzigen, die noch wacher sind als wir, scheinen die Amish zu sein! Denn neben uns sind nur wenige Leute im Frühstücksraum, denen wir um kurz nach 6 im Schatten des Frühstücksbuffets begegnen.

Wahrscheinlich ist die fit wirkende Familie schon vor dem ersten Hahnenschrei von allein aufgewacht. Mann, Frau, zwei junge blonde Jungs etwa im Alter unserer Kinder. Sie lächeln freundlich, aber zurückhaltend und distanziert. Etwa so, wie wenn sich zum ersten Mal Familien auf dem Spielplatz begegnen und man noch nicht weiß, ob die Eltern des jeweiligen Paars gegenüber ihre Kinder autoritär erziehen („Kevin!!! Lass das Freundchen!!“) Helikoptereltern sind („Sarah-Michelle, auf keinen Fall darfst du allein auf das Klettergerüst, wenn du abrutscht, brichst du dir alle Knochen!“) oder die Kinder einfach laufen lassen („Chantal! Pass bitte auf, dass du dich mit dem Blut anderer Kinder nicht versaust…“) und man noch abwägen muss, ob man zusammen passt, oder nicht.
Zu einem Gespräch reicht es dann auch nicht. Ich schätze, dass liegt aber eher an uns, als an denen.
Die bleiben offensichtlich lieber unter sich. Wenig später wird auch klar, warum sie mit uns nichts zu tun haben wollen. Oder besser: Warum ich als Amish vielleicht eher distanziert zu uns liberalen Germans wäre. Während deren Kinder mustergültig und kerzengerade nicht nur am Tisch sitzen bleiben und sich exakt nur das auf den Teller laden, was sie auch wirklich aufessen, stellen wir mit unseren Erziehungsmethoden das eher laisseez-faire´sche Gegenteil dar. Mehr schreibe ich mal dazu nicht. Denn eines Tages werden Tim und Nils diese Zeilen mal lesen, wenn sie größer sind. Das könnte dann unangenehm werden… 😉

Das Frühstück ist lecker und reichhaltig wie gestern. Zwar gibt es keinen Pfannkuchenautomaten wie in Chicago, dafür aber ein richtig schweres Waffeleisen und eine Fertigteigmischung, aus der man sich mit einem Becher die exakt benötigte Menge für eine leckere Frühstückswaffel abfüllen kann. Dann kippt man den Teig ins Waffeleisen, dreht es um und wenn der Timer piept, dreht man das Eisen zurück und hat eine herrlich leckere Waffel. Dort kann dann drauf, was gefällt. Sirup, Flüssigschokolade, Honig, Marmelade, Erdnussbutter oder auch Zucker oder Sahne!
Ein, zwei Waffeln basteln wir, dazu gibt es eine große Portion frisches Rührei und French Toast, normalen Toast, Frischkäse und für Nils und Tim natürlich wieder eine Schale Cornflakes.
Dazu Kaffee für Anja und mehrere Becher Orangensaft für uns alle.

Übrigens: Auch hier gibt es wieder nur Einweggeschirr! Aber wie ein Pickel statt einem Furunkel (beides lästig, aber eins so richtig) möchten wir immerhin anerkennen, dass die Teller hier und heute zumindest aus Pappe sind und laut Aufdruck recycelt werden können. Immerhin.
Dennoch ist es schade, dass wieder einmal lieber Müll produziert wird, statt ein, zwei Personen für das Abspülen von richtigem Geschirr einzustellen!
Nun, wir sind leicht gespannt, ob unser Wohnmobil später mit ordentlichem Geschirr ausgestattet sein wird, oder ob man uns einen Wochenvorrat Pappstar Plastikbesteck und Pappteller in die Hand drücken wird, damit wir unterwegs nach dem Frühstück einfach den Tisch durch abräumen in einen Müllsack sauber machen können…

Nach dem Frühstück gehen wir hoch aufs Zimmer, gehen nochmals auf die Toilette und räumen die letzten Sachen aus Kühlschrank und Ablagen zusammen. Dann geht es runter in die Lobby, wo uns der Concierge knapp verabschiedet. Um kurz nach 8 Uhr haben wir ausgecheckt und sind bereit, unser Wohnmobil zu übernehmen! Kinders ist das aufregend!
Ein paar Abschiedsbilder vom schicken Chevrolet machen wir noch. Ein bisschen werde ich ihn vermissen, auch wenn der fahrbare Ersatz in etwa einer halben Stunde wahrscheinlich nicht minder wuchtig ausfallen wird.
Tim könnte sich problemlos im Radkasten des fetten Suburban verstecken und selbst Nils hat Mühe, mit seinen 6 Jahren über die Motorhaube zu schauen! Die Kinder bräuchten eigentlich eine herausfaltbare Strickleiter, um ins Auto zu steigen und selbst im Fond haben die Kinder eine schicke Sitzheizung in den schweren Einzelsesseln. Ein Wahnsinns- Fahrzeug!
Ja, es fällt schwer den Wagen heute Mittag in Warsaw zurückzugeben. Besonders, weil Anja es kategorisch ablehnt, das Wohnmobil zu fahren. Tschüss V8!
Das letzte Mal kann ich jetzt mit dir eine Runde Gas geben (soweit das mit Beifahrerin und dem Tempolimit möglich ist), dann wird die Frau dich ins 30 Meilen südlich von hier liegende Warsaw zur Budget Vermietstation tragen. Ich bekomme dafür zwar mindestens ebenfalls einen V 8 oder mit Pech sogar einen V 10, aber das ist irgendwie nicht das gleiche.
Unser altes Dethleffs- Wohnmobil damals hatte auch einen zweieinhalb Liter Dieselmotor. Und dennoch war das Fahren zwar schön, aber eben nur auf seine gleitende Art. Mit dem Chevrolet vereinen sich Power und Luxus und fast könnte man meinen, ich bekäme von Chevrolet Geld für diese überschwänglichen Zeilen voll des Lobes. 😉
Aber ohne auch nur einen einzigen lausigen Dollar zu bekommen muss ich einfach anerkennen, dass ich den Wagen sehr sehr gern einfach behalten würde!
Nun, ein letztes Mal steigen wir ein. Jetzt wird es spannend! Wir fahren zu Roadbear!
Eine gewisse Anspannung und Nervosität ist jetzt nicht mehr zu vermeiden! Quatsch Anspannung, wir sind aufgekratzt, wie kleine Kinder zu Weihnachten, kurz bevor die festlich geschmückte Stube geöffnet wird! WIR BEKOMMEN GLEICH EIN FETTES WOHNMOBIL!!

Bei der ganzen Aufregung und Vorfreude hätte ich fast die Konzentration auf den Straßenverkehr vergessen. Und die Amish, die um diese unchristliche Zeit bereits äußerst christlich, dafür aber OHNE Beleuchtung an ihren Kutschen im halbdunklen Nebelgrau des Tages unterwegs sind! Himmel! Das ist brandgefährlich was die machen! Zum Glück reflektiert wenigstens ein passives, auf den Bürzel der Kutsche geklebtes Warndreieck. So muss ich zumindest keine Vollbremsung hinlegen, als der schwarze, schemenhafte Schatten vor uns mit vielelicht 4 oder 5 Meilen pro Stunde auf der Fahrbahn auftaucht. Und das, obwohl wir uns nichtmal ansatzweise am erlaubten Tempolimit bewegt haben. Wenn ihr auch mal hier her fahrt und euch im Dunkeln bewegt, passt echt auf die Leute auf!

An der Zufahrt zu Roadbear bzw. zum Coachmen Werksgelände kennen wir ja schon. Wir stoppen an der Einfahrt und erklären kurz, dass wir genau wissen, was wir hier wollen. Der Typ im Pförtnerhäuschen schaut erst skeptisch, lässt sich dann aber von deutscher Entschlossenheit beeindrucken und so dürfen wir direkt ohne weitere Umwege auf das Werksgelände auffahren, ohne uns am Besucherzentrum zu melden. Dieses wäre nämlich hier schräg um die Ecke gewesen.

Wir fahren vorsichtig die Werksstraßen entlang. Die angezeigten 20 Meilen pro Stunde sind fast schon zu schnell, denn überall um uns herum findet heute bei beginnendem Tagesanlauf reger Werksverkehr statt. Selbstfahrende Fahrgestelle, Gabelstapler, Transporter, Lastwagen, alle fahren kreuz und quer umher. Dazwischen wuseln Leute mit Klemmbrettern oder Paketen unter dem Arm zwischen den Fahrzeugen umher. Da muss man schon ein wenig aufpassen.

Eine gute Idee wäre es übrigens gewesen, von nördlicher Seite auf das Gelände zu fahren! In Höhe des Baseball- Feldes von der 12ten Straße auf den Corson Drive abzubiegen. Dort war zwar gestern Abend das Tor abgesperrt, heute aber ist es auf, wie wir wenige Minuten später entdecken. Das ist aber auch für die Ausfahrt gleich gut, wenn wir das Wohnmobil übernommen haben. Also wer auch hier hin möchte, tagsüber geht das auch über die Zufahrt am Baseball- Feld über die 12te Straße Ecke Corson Drive

Es ist kalt an diesem Morgen! Haben wir das schon erwähnt? Ein wenig Schneegrissel schneit sogar von oben auf uns herab. Das ist ein bisschen wie der persönliche Super- GAU. Wohnmobil fahren bei Schnee! Die erste Strecke könnten die Kinder sicherlich noch im Chevrolet sitzen. Aber dann müssen ja alle rüber ins Wohnmobil. Und dann bei Schnee und eisigen Temperaturen? Von unserem alten Wohnmobil wissen wir noch, wie kalt es während der Fahrt im Aufbau werden kann! Vorne in der Fahrerkabine ging das noch, wenn der Motor läuft und die Fahrzeugheizung das Fahrzeug schön aufwärmt. Aber im Wohnbereich kühlt es während der Fahrt sehr schnell aus! Sollen die Kinder mit Jacke und dicker Decke dort sitzen? Oder wird es möglich und erlaubt sein, die Heizung des Wohnmobils auch während der Fahrt zu betreiben?

Wir finden einen Parkplatz vor dem Nachbargebäude und gehen in die kleine „Tankstelle“ rein. Wie wir gestern vermutet hatten, ist hier tatsächlich der Counter und Büro von Roadbear. Der Einzug hier kann noch nicht lange her sein. Überall stehen noch Kartons und Kisten mit Ordnern und Papier, aber auch Ausrüstung und Bettwäsche herum.

Es ist schon ordentlich was los an diesem Morgen und es fällt uns für einen Moment schwer zu erahnen, ob wir die einzigen Kunden sind, oder schon in einer Wartereihe warten müssen. Zu sehr wuseln hier einzelne Leute umher.
Auch sind wir natürlich etwas zu früh hier. Die Uhr zeigt 08:15 Uhr. 15 Minuten vor der vereinbarten Abholzeit. Aber 5 Minuten vor der Zeit, ist des Deutschen Pünktlichkeit oder wie der Spruch geht. Nun nur keine Scheu… 😉

Wir fassen uns ein Herz und gehen an die Theke. In bestem Schulenglisch erkläre ich, warum wir hier sind und reiche unsere ausgefüllten Papiere herüber. Sogleich wird mir ein Formular in die Hand gerückt. Ich erkenne es sofort, es ist das Check- In Formular, welches wir schon vorab per email erhalten haben. Dieses haben wir ebenso ausgefüllt, wie auch schon Kopien unserer Führerscheine und so weiter gemacht und im Stapel übergeben. Die junge Dame ist sichtlich beeindruckt und nickt anerkennend. „You are ready“ bestätigt sie beim Durchblättern unserer Unterlagen überrascht wie ungläubig.
Tja, wir haben unsere Hausaufgaben eben gemacht! Ganz anders ein weiterer Kunde, der etwa 5 Minuten nach uns in das Büro tritt. Auch er möchte ein Wohnmobil abholen. Als er aber gefragt wird, ob er das vorab übermittelte Formular ausgefüllt habe, muss er dies verneinen. Pah, Anfänger! Formulare ausfüllen, das können wir! Kommt gleich nach dem ordnungsgemäßen Anstellen an eine Schlange! 😉
Und weil wir das so gewissenhaft gemacht haben, sind wir gleich schon auf dem Weg in den sonnigen Süden, während er noch mühsam seine Führerscheinnummer auf seinen Unterlagen sucht…

Ein weiterer Herr ergänzt nun unser Gespräch, nachdem er meinem Nachbarn einen Stapel Papiere zum Ausfüllen gegeben hat. Es ist Patrick, wie wir gleich erfahren werden. Er erklärt mir, dass gleich jemand für die Fahrzeugeinweisung kommen wird. „Paperwork“, so erklärt er mit einem bedauernswerten Blick auf den Tropf neben uns, sei bei uns jedenfalls „done“!

Wir warten kurz und Anja überlegt, wie wir das mit der Einweisung jetzt am besten machen. Soll ich alleine gehen? Andererseits wäre es gut, wenn wir beide wüssten, wie etwas funktioniert. Oder besser: Wenn etwas mal nicht funktioniert! Dann aber müssen auch die Kinder mit. „Ob das geht?“ fragt mich Anja
„Nein, das geht leider nicht! Einweisung immer nur einer, weil der Platz auf dem Werksgelände hier begrenzt ist und wir aufpassen müssen!“ hören wir plötzlich eine perfekt deutsch sprechende Stimme aus dem Off. Es war Patrick! Der Schlingel! Spricht perfekt Deutsch und lässt mich hier zuvor mit dem Englisch herum stammeln. 😀

Ich frage neugierig und er erklärt mir, dass sie hier gerne Deutsch als Wahlfach in der Schule lernen. Auch der junge smarte Halb- Afro- Amerikaner, der kurz darauf meine Fahrzeugeinweisung übernimmt, spricht ein fast perfektes Deutsch ohne amerikanischen Akzent. Respekt!
So gut kann ich seine Sprache nicht!

Die Einweisung geht schnell von statten. Mein Einweiser bemerkt sehr schnell, dass ich im Vorfeld das Betriebshandbuch des Wohnmobils (es ist kostenlos auf der Webseite von Roadbear verfügbar) akribisch durchgelesen habe. Die Einweisung gestaltet sich daher mehr oder minder so, dass ICH erkläre und er nur noch zustimmt oder ergänzt. 😉
Entsprechend schnell sind wir durch. Keine 30 Minuten brauchen wir für die Einweisung, wobei ich für das Abwassersystem noch am längsten benötige. Liegt einfach daran, dass sie hier keine Kassettentoilette haben, sondern das Abwasser grau (also vom Spülen oder duschen) und das Abwasser schwarz (also aus dem Klotank) über einen Anschluss und dann weiter über ein Schlauchsystem in ein Kanalrohr entsorgt wird. Das ist für uns neu.
Der Rest ist simpel, hausbekannte Technik. Kühlschrank läuft autark und sucht sich selber aus, ob er Strom, Gas oder Bordstrom aus dem Motorkreislauf zur Kühlung verwendet. Die Heizung funktioniert über einen Thermostat, das Warmwasser wird über einen simplen Schalter aktiviert. Das war´s schon! Wer mit deutschem Vorwissen ein Wohnmobil in den USA übernimmt, steht auf jeden Fall gut da!

Aber haben wir euch unser Schlachtschiff überhaupt schon gezeigt?
Hier ist es!
Ein fettes großes Wohnmobil!
Ja, jetzt, wo wir es haben, bin ich froh drum! Denn wir haben zum einen den Alkoven, dann daruter eine 3er Couch längs, die sich zum Bett ausklappen lässt UND die mittels Slide- Out nach außen versetzt wird. So entsteht in der Mitte ein Wohnraum mit 3 Metern Breite! Gegenüber die vollwertige Sitzgruppe. Nach der Couch folgt die komfortable L- Küche mit Dreiflammenkocher, aber auch mit Gasbackofen und Mikrowelle! Hinter der Küche folgt die Dusche. Auf der anderen Seite folgt auf die Sitzgruppe die Tür und danach der Kühlschrank. Dann folgt die Toilette. Das Wohnmobil schließt mit einem fetten französischen Bett, quer eingebaut, im Heck ab.
Unglaublich viel Platz für uns vier und natürlich viel besser, als ein mögliches kleines kompaktes Wohnmobil mit nur V6 Motor auf Basis des Ford Transit.
Hier werkelt ein fetter Ford F-450 Super Duty als Basisfahrzeug mit 10 Zylindern und 450 PS. Ja, der wird viel verbrauchen, aber bei Jakobus, wir sind nur einmal hier! Jetzt genießen wir das auch, koste es, was es wolle!

Übrigens: Das Fahrzeug war zur Besichtigung bereits wohlig warm! Bei faktisch allen Wohnmobilen, die hier heute übergeben werden, läuft die Heizung auf Hochtouren und natürlich auch der Motor blubbert fröhlich im Standlauf vor sich hin, damit die Gäste bei der Inneneinweisung nicht frieren müssen. Umwelttechnisch (stellt euch bitte 20 Wohnmobile vor. Alle mit laufendem V-10 Motor…) natürlich in Deutschland undenkbar, aber hier ist man eher darauf aus, dass der Kunde keine Verschlechterung der Convenience erleiden muss. Ich würde lügen wenn ich nicht zugebe, dass mir das ein bisschen gefällt…

Und noch etwas müssen wir lobend erwähnen: Entgegen aller Erwartungen ist unser Fahrzeug bereits „de“- winterisiert! Obwohl es draußen schneit und wie Minusgrade haben! Wir waren fest davon ausgegangen, dass sämtliche Leitungen mit Frostschutzmittel gefüllt sein würden. Weil dies in den Unterlagen stand und weil dies auch mehrheitlich viele Gäste im Internet berichtet haben. Aber das ist bei uns nicht der Fall!
Klar, die Tanks sind leer. Aber wir werden auf dem ersten Campingplatz, auf den wir fahren, wohl nur Wasser auffüllen müssen und dann sind wir startklar! Ein ganz toller Service hier!

Um exakt 08:40 Uhr hole ich die Familie aus dem Warteraum ab. Überrascht schaut Anja mich an, dass wir schon fertig sind! Sind wir!
Voller Neugierde spazieren wir raus zum Wohnmobil, welches sogleich von Nils und Tim mit einem Quitschen vor Freude inspiziert wird. Sofort machen die beiden klar, wo wer schlafen wird. Wir als Eltern haben maximal noch ein Recht dies anzuerkennen, aber ansonsten sind die Betten bereits verteilt. Dann stecken beide die Nase in das Badezimmer und staunen über den vielen Platz, den wir haben. Auch die Küche finden die Jungs super und wünschen sich, dass wir spontan etwas kochen. Ja pfft! Nix da! Wir müssen los!
Der leichte Schneegrissel ist bereits in ein dichteres Flockenwerk übergegangen, welches man nicht mehr ignorieren kann. Wer auch immer heute noch nach uns kommt, wird im Schnee fahren! Denn das Zeug fängt an auf der Straße liegen zu bleiben! Jetzt bloß keine Zeit verlieren!
Ohne irgendwas aus dem Auto ins Wohnmobil umzuladen, programmieren wir die Vermietstation in Warsaw in das Navi des Chevrolet und in unser eigenes aus Deutschland mitgebrachtes Navi, welches kurz darauf an der Scheibe des Wohnmobils pappt. Dem Wohnmobil liegt zwar auch ein mobiles Navi bei, aber mit unserem kenne ich mich besser aus und habe die Route schon vorab einprogrammiert.
Die Jungs finden das Wohnmobil übrigens derart spannend, dass sie freiwillig darauf verzichten, zurück in die bequemen Sessel des Chevrolet Suburban zu ziehen. Auch wenn es die letzte Fahrt mit dem übersportlichen SUV sein wird.

Wenige Minuten später sind wir unterwegs. Wir nehmen gleich hier die Ausfahrt und biegen zwei Mal links ab. Über die Bristol Avenue und quer durch Middelbury geht es kurz darauf auf die IN-15 exakt in Richtung Süden!
Die ersten Meter im Wohnmobil, welches wirklich fabrikneu ist und gerade mal 30 Meilen auf dem Tacho hat, sind natürlich sehr ungewohnt! Der Karren ist mit seinem 6,8 Liter V-10 Motor und seinen über 300 PS erstaunlich schwerfällig! Auf jeden Fall deutlich schwerfälliger, als der Chevrolet. Liegt aber auch daran, dies werde ich dann später noch im Bordbuch bei den technischen Daten nachlesen, dass unser Wohnmobil über 6 Tonnen wiegt! Nicht schlecht. Mit Ausnahme eines Umzugslasters vor einigen Jahren bin ich noch nichts so schweres gefahren.
An die Automatik hingegen muss ich mich zum Glück nicht mehr gewöhnen. Da haben die Kilometer von Chicago nach Middelbury mit dem Chevrolet entsprechende Angewöhnungsarbeit geleistet. Einfach auf „D“ am Lenkradwahlhebel gestellt und dann rollen wir auch schon!

Kaum lassen wir Middelbury hinter uns, hört das Schneetreiben auf. Ein Glück! Die Straße ist komplett frei und als wir um 10 Uhr in Warsaw auf dem großen Parkplatz schräg vor der Vermietstation von Budget zum Stehen kommen, scheint sogar die Sonne! Perfekt!
Wir haben noch knapp 5 Stunden Zeit, bis wir das Auto offiziell zurückgeben müssen. Mit 15 Uhr hatte ich mal großzügig gerechnet, kam aber im weiteren Verlauf der Planung ins Schleudern, ob das mit Abholung des Wohnmobils, Übernahme, Beladen und dann noch nach Warsaw fahren UND Tanken des Chevrolet vor der Rückgabe vielleicht zu knapp werden würde. Ganz anders die Realität. Wir sind WEIT vor dem Zeitplan, was super ist! Denn heute können wir somit noch locker ein ganz großes Fahrstück absolvieren und so weit wie möglich nach Süden fahren. Der heilige Wohnmobilus ist uns offenbar holt!
Eins ist mit diesem Zeitfenster übrigens auch klar, wir fahren damit definitiv über Little Rock in Arkansas und schauen uns die Clinton Bibliothek mit Oval Office, Kabinettraum und Präsidentenlimousine an! Den Umweg von 300km zur originalen Route 66 können wir uns nun, mit dem heute gewonnen Zeitpolster, locker leisten!

Wir laden ohne Hast, aber zügig die Koffer und die wenigen Vorräte aus dem Auto in das Wohnmobil. Anja ist dankbar dafür, dass das Wohnmobil dabei nicht nur vorgeheizt war, sondern auch offenbar während der Fahrt mit Heizung betrieben werden darf. Noch immer ist es muckelig warm im Aufbau was jetzt, durch die Sonne, noch verstärkt wird. So kann sie in den paar Minuten, wo ich den Chevrolet zur Tankstelle fahre und danach bei Budget abgebe, ohne zu frieren den ersten Koffer auspacken und unsere Lebensmittel in den Schränken und vor allem im Kühlschrank verstauen.

Die letzte Fahrt im Chevrolet ist dann doch traurig. Schon komisch. Nicht nur mir, auch Nils ist das Auto richtig ans Herz gewachsen. Obwohl es nur ein Mietwagen ist und wir nur eine vergleichsweise kurze Strecke damit zurückgelegt haben.
Ich muss Nils erklären, dass das Auto ja nicht uns gehört hat, sondern wir es uns nur geliehen haben und wir es daher leider nicht behalten können. Das ist so, wie wenn er sich manchmal Spielzeug von Freunden leiht oder er es selbst verleiht. Zum Tauschen für einen Tag. Derzeit total populär im Kindergarten übrigens, dieses gegenseitige Spielzeugtauschen.
Den Vergleich versteht er dann.
Ein letztes Mal lassen wir es aber so richtig fett angehen! Treten das Pedal voll durch, genießen die Beschleunigung und den unglaublichen, unverwechselbaren Sound eines V8 Motors! Nils zieht einen Vergleich zum Supersportwagen Jackson Storm aus dem Film Cars 3, der ebenso sportlich klingt, wie unser Großraum- SUV. Nur sitzen wir dabei cooler! 😉

Das Ergebnis an der Tankstelle, die ich übrigens ebenfalls im Vorfeld zu unserer Reise mittels google maps eruiert und vor der Rückgabe eingeplant hatte, ist erstaunlich erfreulich!
Für nur 50 Dollar tanken wir nach! Das kann sich doch sehen lassen, so schlimm war der Spritverbrauch für unsere Proletenschleuder dann doch gar nicht! Proud american, God bless you und the Hersteller von this proud and sparsam car!

Nach dem Tanken fahren wir wieder das kleine Stück zurück zum Großparkplatz an der East Center Street, wo das Wohnmobil und die Budget Vermietstation schon auf uns wartet. Ein wirklich allerletztes Mal lassen wir uns den Sound des V 8 um die Ohren wehen, genießen die Beschleunigung und hoffen, dass die Mama gerade derart mit Koffer auspacken beschäftigt ist, dass sie nicht aus dem Fenster schaut um nachzusehen, welcher Idiot hier auf dem Parkplatz seinen Motor mehrmals unnötig aufbrausen lässt. 😉

Es riecht etwas muffig nach altem Teppich, als wir die Vermietstation betreten. Wieder eine Kombi- Außenstelle von Budget und Avis. Der gesetztere Mitarbeiter, Ende 40, dick, ächzt ein wenig, als er sich nach draußen begeben muss, um das Auto zu begutachten. Lust hat er keine, das merkt man. Entsprechend knapp fällt die Kontrolle aus. Einmal rum, den Meilenstand notiert, dann kann er sich wieder auf seinem Drehstuhl ausruhen.
Wir bekommen einen Beleg und schwatzen noch ein wenig über das Auto. Er stimmt mir zu, dass das ein ganz toller Wagen wäre. Und auch groß. So grundsätzlich. Aber, dass diese Größe auch das absolute Mindestmaß für die Familie mit 2 Kindern sei und wir die Klasse schon korrekt gebucht hätten. Kleiner sollte er jedenfalls nicht sein! Wow, die Amis! Und das meint der wirklich absolut ernst!
Wenn ich dem jetzt sage, dass wir zuhause mit unserem Touran ein Auto haben, welches nichtmal halb so groß wie der Suburban ist, dann bricht er wahrscheinlich in Tränen aus und sammelt spontan für uns mit einer Spendenbüchse in der Nachbarschaft für ein neues Auto für uns…

Um halb 11 sind die Formalitäten beendet und der Chevrolet ist Geschichte. Ab jetzt muss es ohne Beiboot und Begleitschutz gehen (der Suburban hätte sich super als Secret Service Eskorte zu unserem Wohnmobil gemacht…), ab jetzt sind wir mit unserem Wohnmobil wirklich und schlussendlich auf uns allein gestellt! Jetzt beginnt das große Abenteuer USA und Route 66 mit dem Wohnmobil!

„Wo schlafen wir denn heute Nacht?“
fragt mich Anja und wirft die zwei, drei Campingplätze ins Rennen, die wir uns bei der groben Vorplanung im heimischen Kartenzimmer rausgesucht hatten.
Unser damaliger Favorit, von der wir nicht wirklich dachten, dass wir diesen Campground noch am heutigen Tag mit Wohnmobilübernahme, Mietwagenrückgabe, Einkaufen und Co. noch würden erreichen können, wird jetzt plötzlich greifbar! Camp Lakewood in Effingham!

Knapp 5 Stunden und etwa 430km ist dieser Platz jetzt noch von hier aus entfernt. Viel zu fahren, ja, aber uns war bei nur 2 Wochen Reisezeit für die Strecke von Chicago nach Las Vegas im Vorfeld klar, dass es nicht ohne Fahren gehen würde. Heute, wo die Vorzeichen auf Fahren stehen und der Schnee uns buchstäblich vor sich hertreibt, muss man das auch tun. Mut zur Lücke ist obligatorisch und eine Stadt wie Indianapolis, die auf dem Weg liegt und bestimmt sehenswert ist, müssen wir buchstäblich links liegen lassen. Nützt ja nichts. Also programmieren wir das Navi und dann geht es los!

Zu viert in einem Boot ist die Fahrt nun natürlich deutlich leichter. Ich muss nicht mehr in den Spiegel schauen und gucken, dass unser Begleitschutz dran hängt (als ob ich Anja mit dem Wohnmobil wirklich jemals hätte abhängen können…), ich kann frei fahren. Immer dem Horizont entgegen, während sich Anja um das Bordprogramm kümmert. Die Route führt uns nun zuerst weiter auf der IN-15, dann über die ersten Highways und später nehmen wir auch die erste Interstate unter die Räder, was allerdings weniger Freude bereitet, als zunächst angenommen. Ich hatte noch gehofft, dass die Straßenverhältnisse, wenn wir erst auf der Interstate sind, deutlich besser werden würden. Aber das, was wir hier vorfinden, lässt nur einen Schluss zu: Indiana in den USA und Belgien in Europa sind garantiert Partnerländer! Gegenseitig können sie sich nämlich damit brüsten, dass sie jeweils nicht die schlechtesten Straßen auf der Welt haben und jeder versucht, den anderen zu unterbieten. Oh-Mann! Wenn es für das Wohnmobil von Roadbear bzw. von Coachmen so etwas wie einen Härtetest gibt, dann rütteln wir diesen gerade hier ab! Halten die Schränke in den Verankerungen an der Wand?!
Aber auch von unten rumpelt es gewaltig! Besonders Steine, die die Räder hochschleudern, klingen im Radhaus fast so, als würden sie den Unterboden durchschlagen!
Alles zusammen ergibt eine recht rappelige Mischung mit Schlägen, Knallen, Rappeln und Wackeln.
So muss sich Yuri Gagarin seinerzeit beim Wiedereintritt in die Atmosphäre gefühlt haben! BOAH!
Und dann passiert es: Die erste Verkleidung fällt herab! Kein Wunder bei der Rappelei! In der alten Sojus- Raumkapsel von Yuri ist bestimmt auch nicht nur die Teetasse vom Seitenbord gefallen, aber der ist auch in die Erdatmosphäre eingetreten! Wir hingegen fahren „nur“ auf amerikanischen Highways…
Das Wohnmobil zerfällt aber nicht im Wohnraum, dieser erscheint stabil. Nein, hier in der Serien- Fahrerkabine unseres Ford- F- 450 Super Duty S- Series, der optisch mit seinen Brauntönen und kantigen Ecken des Armaturenbretts trotz seinem 2018er Baujahr sehr stark an unser Wohnmobil von 1984 erinnert, fallen die Bauteile herab!!
Zum Glück ist es nichts Ernstes und wir stecken das herabgefallene Plastikstück einfach wieder an seinen Platz über der Sonnenblende. Wobei letztere übrigens auch nur ein mit Stoff bespanntes Stück Pappe ist! Jaja! Jetzt, wo die erste Euphorie langsam verflogen ist, fallen uns doch so ein, zwei, drölf Mängel auf, die bei einer deutschen Qualitätskontrolle wahrscheinlich für eine Krisensitzung der QM- Manager gesorgt hätte.
Aber da haben wir glaube ich einfach einen anderen Anspruch, als die Amerikaner. Oder als irgendein anderes Volk auf dieser Welt…

An der Nordspitze von Indianapolis, genauer in Westfield, legen wir nach etwas mehr als zwei Stunden die erste Pause ein. 13:00 Uhr! Mittagszeit! Wir haben schon richtig Heißhunger auf leckeres amerikanisches FastFood! Dies aber natürlich vorzugsweise von den Burgerbraterei-Ketten, die es in Deutschland nicht gibt! Burger King, Subway, Pizza Hut, KFC und natürlich McDonals wollen wir daher versuchen, in den nächsten Wochen zu meiden!
Eine der übrigen Ketten, die keinen Marktauftritt in Europa haben und die wir schon bei unserer ersten USA- Reise vor 17 Jahren gerne besucht haben, wirbt an der nächsten Autobahnausfahrt mit einer Filiale. Wendy´s!
Wir fahren also von der Autobahn runter und werden zum ersten Mal damit konfrontiert, dass Amerika zwar groß und proud, aber eben doch nicht so groß und proud ist, dass man mit einem Wohnmobil immer überall einen Parkplatz bekommt. Zumindest nicht, wenn man sich, typisch deutsch, an die Parkplatzmarkierungen halten möchte. Eine Charaktereigenschaft übrigens, die ich im weiteren Verlauf dieser Reise nicht nur vernachlässigen, sondern (ohne Konsequenzen übrigens!) zu Gunsten des reinen Pragmatismus noch komplett über Bord werfen werde. Aber das kann ich jetzt noch nicht wissen, jetzt möchte der korrekte Deutsche in mir einfach nur innerhalb einer Parkplatzmarkierung parken…
Wir umkreisen also zwei Mal den Wendy´s fast so, wie ein Löwe seine Beute in der afrikanischen Steppe umkreist. Aber so richtig zufrieden sind wir nicht. Erst die Idee, dass wir, wenn wir mit dem Bürzel auf die Wiese nach hinten raus parken, mit dem Fahrzeug innerhalb der Markierung stehen müssten, kommt unserem Parkwunsch entgegen.
Anders würde auch nicht gehen, denn Längsparkplätze gibt es nicht. Das heißt es gibt sie schon! Nur eben nicht in Sichtweite des Wendys. Und da wir unsere gesamten Wertsachen im Wohnmobil gelagert haben, Fotoausrüstung, Laptops, Tablets der Kinder und so weiter, möchten wir eben gerne so parken, dass wir während des Essens einen Blick auf das Wohnmobil halten können. Auch eine Vorgabe übrigens, die wir AUCH noch im Verlauf dieser Reise über Bord werfen werden. Aber auch dazu später mal mehr.
Gesagt, getan, ziehen wir rückwärts in eine Parklücke mit „open end“ über Randstein und Wiese. Wir sehen perfekt die Schaufenster des Wendy´s und die Tische darin. Im Umkehrschluss sehen wir also auch gleich, wenn frisch geerntete Burger aus der Pappschachtel duften, sehen wir auch das Wohnmobil. Perfekt.

Zum Mittagessen sind die Augen übrigens größer als der Magen. Oder eben wir noch nicht an die amerikanischen Portionen gewöhnt. Oder beides. Jedenfalls ist es Zeit für eine…
Notiz an mich:
Wenn die Amerikaner einen Burger „den Baconator“ nennen, dann meinen sie das auch so! In Güte und Größe beim heiligen Wohnmobilus genügt dieser Burger dann selbst ohne Beilage wie Pommes einer Kleinfamilie durchaus als zufriedenstellende Mahlzeit!
Oh Mann! Bin ich satt und voll gefressen! Jetzt ein Schläfchen im Wohnmobil, das wäre was! Anja denkt ähnlich und wir müssen uns zusammenreißen, dass wir nicht in ein Fresskoma fallen! Liegt aber natürlich auch daran, dass der Tag früh begonnen hat und der Rest des europäischen Schlafrhythmus noch immer in uns verweilt. Demnach wäre der Baconator nämlich unser Abendessen gewesen und nicht das Mittagsmahl und folglich wäre jetzt chillige Couchzeit bis zur Bettgehzeit.

Nützt nix und zum Glück gibt es ein probates Mittel, die Müdigkeit zu bekämpfen! Ich fahre einfach tanken!
Den Schock, den ich mir kurz darauf an der benachbarten Kröger Tankstelle abhole, sorgt blitzschnell für ein entsetztes: „Waaaaas?“ und schon bin ich wieder hellwach. Geht doch. 😉

Knapp 18 Gallonen, also etwa 70 Liter (!) rauschen in den Tank, bevor die Tankpistole automatisch stoppt. Ich hatte schon befürchtet der Mechanismus sei defekt und der Sprit wäre auf der anderen Seite des Tanks wieder herausgelaufen! Aber offenbar doch nicht. Grob überschlagen haben wir einen sportlichen Verbrauch von knapp 30 Liter auf 100km mit unserem Wohnmobil!!!

Bevor ich aber nun einen Hirnschlag aufgrund des vermeintlichen Verbrauchs erleide, kontert zum Glück mein Logikzentrum schnell. Der Verbrauch ist gar nicht so hoch! Wahrscheinlich liegt er viel viel niedriger! Warum? Nun, erinnert ihr euch an die Wohnmobilübernahme heute früh? Ich schrieb ja, dass nicht nur die Heizung, sondern auch der Motor die ganze Zeit lief! Er lief als wir ankamen, er lief während der Fahrzeugeinweisung. Er lief, als die Kinder einstiegen und wir das Navi programmierten. Die ganze Zeit. Die Anzeige im Cockpit selbst zeigte bei unserer Abfahrt zwar „um voll“, aber war der Tank wirklich voll? Ich glaube nicht. Und überhaupt ist es eher doch so, dass die Anzeige doch praktisch in jedem Auto noch voll anzeigt, selbst wenn die ersten zehn Liter bereits verbraucht sind. Hier wird es ähnlich sein. Muss ja! Fahren doch jeden Tag hunderte, ach was tausende Wohnmobile durch die USA! Die können doch unmöglich alle 30 Liter Sprit auf 100km verbrauchen. Das wäre ja Wahnsinn! Ihr seht, die Hoffnung stirbt zuletzt. 😉

Vorsichthalber nehme ich mir aber dennoch vor, das mit dem Chevrolet praktizierte Spritsparverfahren ab sofort auch mit dem Wohnmobil anzuwenden.
Soll heißen: Kein Tempomat mehr, der stets krampfhaft versucht, die eingestellte Geschwindigkeit zu halten! Hier in den USA und besonders beim Wohnmobil auch dadurch, indem er selbsttätig einen Gang herunter schaltet, kaum dass man eine Meile langsamer als eingestellt unterwegs ist. Dann brüllt der knapp 7 Liter 10 Zylinder Hubraummotor natürlich auf und man kann das Gebirgsbächlein aus dem Motorraum hören. Nur, dass das der durch die Spritleitung laufende Kraftstoff und kein Gebirgsbächlein ist…
Das muss nicht sein! Im manuellen Modus genügt es völlig, an einer Steigung das Gaspedal zu halten! Das Wohnmobil wird dann zwar etwas langsamer, fällt so von 70 auf 65 oder auch mal 58 Meilen ab, aber meist geht es nach einer Steigung auch gleich wieder bergab, sodass sich die Geschwindigkeit wieder ausgleicht. Ergebnis: Das Wohnmobil schaltet nicht runter, gibt kein Vollgas und wir sparen.
🙂
Hoffentlich…

Zufrieden über meinen Plan steige ich wieder ein und spüre nur kurz einen Widerstand am rechten Ärmel. Was ist das? Ich erschrecke für einen Moment. Ist das etwas eine Schlange!?
Nein. Zum Glück. Es ist nur der Türgummi! Er ist nicht richtig im Rahmen befestigt und mahnt nun, halb herab hängend und stumm, die Endkontrolle proudvoller amerikanischer Automobilproduktion an. Hmm. Kann ja mal passieren, oder? Das so ein Türgummi aus der Türe fällt?!
Wir nehmen es locker, zumal es kein großes Problem ist, den Gummi wieder in seine Position zu pressen. Kleber haben wir zwar nicht, aber wenn man ihn fest andrückt, sollte es für den Moment halten.
Wo allerdings die kleine Schraube herkommt, die darüber hinaus auf meinem Einstiegstritt liegt, vermag ich nicht zu erkennen. Egal. Wir legen sie erstmal auf Seite und schauen später, wo sie hergekommen sein könnte.

Die weitere Fahrt von Indianapolis Richtung St. Louis (unser Tagesziel Effingham liegt etwa auf halbem Weg) verläuft trist. Der Bundesstaat Illinois, welcher auf Indiana folgt, scheint aus dem Zweier- Bündnis von Indiana und Belgien ein Trio zu machen. Die Straßen werden nicht besser und es entbrennt ein erbitterter Konkurrenzkampf um den Titel „schlechteste Straße der westlichen Hemisphäre“, wobei wir geneigt sind, den Titel mit jedem weiteren Schlagloch an Illinois zu vergeben! Es ist DER HAMMER! Echt! Europäische Kleinwagen wie ein Hyundai i10 oder ein Kia Picanto müssten hier echt aufpassen, dass sie nicht in einem der Löcher auf nimmer Wiedersehen verschwinden! Vielleicht meinte der Typ von der Autovermietung in Warsaw ja gar nicht die Mindestgröße für Familien in Bezug auf das Raumangebot, sondern in Bezug auf die Anfälligkeit, auf amerikanischen Highways in Schlaglöchern quasi unwiederbringlich abzutauchen…

Einzige Ablenkung bieten die unglaublich riesigen Acker- und Landflächen, die wir rechts und links der Interstate erkennen. So eine Weitläufigkeit haben wir in Europa nicht! Und wir haben schon viel von Europa gesehen! Echt heftig. Andererseits in Amerika leben 300 Millionen Menschen, die auch jeden Tag ein Brot auf dem Teller finden wollen. Irgendwo muss ja zum Beispiel der ganze Weizen für dieses Brot und Brötchen herkommen! Burgerbrötchendeckel für den Baconator von Wendys mal noch gar nicht mitgerechnet!
Das müssen also die „Great Plains“ sein, die wir hier sehen. Der Geburtsort der amerikanischen Nahrungskette gleich hinter der ersten McDonalds- Filiale. Die großen Platten. Oder heißt Plains nicht Platten?  Jedenfalls ist es platt hier. Daher passt der Vergleich durchaus. Topfeben und unglaublich weit wie weitläufig. Und eben landwirtschaftlich erschlossen.

Infobox Great Plains:
Tatsächlich sind es die Great Plains! Eine Fläche von 2 Millionen Quadratkilometern als Längsstreifen von Alaska runter bis Mexiko! Im Osten eher landwirtschaftlich geprägt, im Westen dominiert aufgrund der Umweltbedingungen hingegen eher die Viehzucht. Irgendwo muss ja nicht nur der Weizen für das Brötchen, sondern auch das Fleisch für den Baconator herkommen…) Mehr Infos zu den Great Plains findet ihr hier: Great Plains

Wir sind etwas überrascht, als uns unser Navi darüber informiert, dass wir schon um etwa 15 Uhr in Effingham ankommen werden. Super! Aber wie das? SO schnell war ich doch gar nicht, dass wir eine Stunde Fahrtzeit herausgeholt hätten? Die Lösung finden wir schnell. Das liegt an der inneramerikanischen Zeitverschiebung! Eine ganze Stunde haben wir mit dem Grenzübertritt von Indiana nach Illinois dazu bekommen. Aus 16 Uhr Ankunft wird nun 15 Uhr Ankunft. Dieses „Schicksal“ wird uns übrigens auf dieser Reise noch mehrfach ereilen und spielt uns so natürlich in die Karten. Bekommt man hier und da eine Stunde geschenkt, werden die Urlaubstage länger! Pah, nimm das Arbeitgeber! Wir holen durch die Reise mit den Zeitzonen fast mehr an freier Zeit raus, als durch einen Brückentag an einem Feiertagswochenende in Deutschland! 😉

Die great plains sollte man übrigens umbenennen. Great sind sie zwar, aber mehr noch sind sie vor allem eins: Langweilig! „Boring plains“ kichere ich vor mich hin. Das würde passen. Dennoch zieht sich die Fahrt und wir haben Mühe, dass uns nicht die Augen zufallen. Der noch immer prall gefüllte Bauch tut natürlich sein Übriges.

Um 15 Uhr passieren wir zwar die Grenze zu Effingham, aber natürlich ist es auf der inneren Uhr 16 Uhr. Entsprechen sind wir gerädert, wie man eben nach einem solch langen Fahrttag gerädert sein kann. Aber jetzt wird nicht geschwächelt, es steht nämlich noch ein ganz wichtiges Ereignis an! Ein Ereignis, welches kaum wichtiger für den amerikanischen Wohnmobilreisenden sein könnte, als dieser Stopp! Nein, nicht der Anschluss des Kackrohrs auf dem Campingplatz! Diese Feuertaufe kommt noch! Vorher aber muss noch ein Besuch bei Walmart her! Yeh-haw!
Anja hat einen Walmart auf dem Weg zum Campingplatz direkt bei Effingham ausgemacht, den wir nun, bevor wir den Campground für die Nacht ansteuern, noch besuchen werden. Wir müssen für die kommenden Tage ja noch unseren Kühlschrank füllen!

Infobox Walmart:
Den meisten muss man Walmart wohl nicht erklären. Für die wenigen, die Walmart nicht kennen, tun wir es dennoch. Walmart ist eine amerikanische Supermarktkette. Oder besser DIE amerikanische Supermarktkette! Wenn es etwas in Deutschland gäbe, womit man Walmart vergleichen könnte, dann wäre das wohl ein Verkehrsunfall, besser gesagt ein Auffahrunfall zwischen real, Obi und Ikea. Man bekommt hier nämlich einfach alles, was es zu kaufen gibt. Autozubehör, Gartengrills. Milch. Eier natürlich auch und Anziehsachen. Werkzeug ist auch ein gutes Beispiel. Dazu Elektronik vom Fernseher bis zum Ipad. Handys und die passenden Sim- Karten natürlich auch. Gleich neben den Süßigkeiten, dutzenden Kuchen, Brot und Brötchen. Und Möbel natürlich auch! Sowohl für drinnen, wie auch für draußen. Ja sogar Munition und Waffen haben wir in einigen Walmarts gesehen! „Hab ich alles? Brot, Milch, Wurst, Toilettenpapier, Munition für meine AK-47, ja, alles da! Super, ich kann zur Kasse!“. So in etwa.

Walmart hat über zwei Millionen Angestellte (!) und verfügt über knapp 5000 Filialen in ganz Amerika. Die dutzenden rollenden Lastwagen auf dem Highway, die wir auf dieser Reise noch überholen werden, mal nicht mitgerechnet.
Der Laden ist allerdings nicht frei von Kritik! Besonders die Arbeitsbedingungen stehen dabei ganz oben. Dennoch ist Walmart nach unserer Meinung die beste Möglichkeit, in den USA einzukaufen. Wer mehr über Walmart wissen mag, findet hier noch ein paar Infos: Walmart

Der Einkauf ist müssig! Besonders, weil die Regalsortierung einem komplett anderen System zu folgen scheint, wie bei uns in Europa. Ist wie mit Meilen und Kilometer. Muss man sich umstellen, ist man erstmal total verwirrt. Ich meine in welchem deutschen Supermarkt kommt bitte Kuchen zuerst? Bei uns muss man sich doch für gewöhnlich erstmal mit der Machete durch das Bio –Gemüse schlagen, bevor man zur Fleischtheke durchdringen kann. Hier aber fristet die Obst- und Gemüseabteilung eher ein schattiges Randdasein. Und das, das wird der weitere Verlauf der Reise noch zeigen, ist hier bei Walmart noch die bessere Auswahl!
Stattdessen dominieren Tiefkühlboxen, Fertigpizza, Fleisch in Sonderpackungen und ungesunder Fresskram aller Couleur. Ein El Dorado zwar, aber eben auch umständlich, weil wir uns zum Beispiel zur Milch durchorientieren müssen. Bis wir sie finden, hätten wir eine Kuh von Geburt an aufziehen, versorgen, schwängern lassen und nach dem Kälbchenwurf selbst melken können… 😉

Bis wir alles haben, vergeht sehr viel Zeit! Über eine Stunde benötigen wir, um uns zu orientieren und unseren Wagen zu füllen. Liegt aber auch zum Teil daran, weil ich durch die SIM- Karten nicht durchblicke und eine Beratung benötige, welche SIM- Karte als reine oder vornehmlich reine Datenkarte funktioniert und möglichst nicht so viel kostet. Am Ende kaufen wir auch eine, verzichten aber auf das Einrichten der Karte im Handy durch den Angestellten. Das kann ich später auch allein, jetzt haben wir keine Zeit…

Den Campingplatz, den wir übrigens telefonisch von Warsaw aus vorreserviert haben, erreichen wir knapp nach Ende der offiziellen Öffnungszeit der Rezeption. Da wir vorreserviert haben, finden wir in einem kleinen Holzständer einen Umschlag mit dem Namen „Arfert“ drauf und spekulieren mal darauf, dass WIR mit diesem abenteuerlichen Namen gemeint sein sollen.
Sollten wir uns hingegen gerade widerrechtlich des Übernachtungsplatzes von Familie Arfert angeeignet haben und die Familie steht noch dort und sucht ihre Reservierungsbestätigung, tut uns das leid. 😉

Wir nehmen die im Umschlag ausgewiesene Parzelle ein und richten uns ein. Anja übernimmt dabei traditionell den nach innen gewandten Teil des Wohnmobils und packt die weiteren Koffer aus. Ich begebe mich an das Mysterium Strom, Wasser und besonders Abwasser und will mal schauen, wie so ein Full Hook- up am Wohnmobil eigentlich funktioniert.
Ich beginne mit dem leichtesten Teil. Dem Strom. Anders als bei uns gibt es kein separates Stromkabel, welches aus zwei Steckern besteht, von dem auf jeder Seite eins in das Auto und eins in die Stromsäule eingesteckt wird. In unsererm Einsteiger- ABC– haben wir das übrigens für deutsche Wohnmobile skizziert. Viel mehr ist es hier so, dass das Stromkabel fest mit dem Fahrzeug verbunden ist und nur auf der anderen Seite des Kabels ein Stecker angebracht ist, der an die Stromsäule eingesteckt wird. Das schränkt den Einsatzradius auf jeden Fall ein und man muss schauen, dass man schon die Stromsäule idealerweise auf der Seite des Kabelschachts am Fahrzeug hat, damit es passt.
Das zweite ist das Frischwasser, um das ich mich kümmere. Alle Tanks sind leer und ich fülle zunächst den Tank über den beiliegenden Schlauch komplett auf. Dann öffne ich die Hähne im Innern kurz, um auch den letzten Rest Luft und Frostschutz aus den Leitungen zu pusten. Es sprotzelt im Hahn, dann rotzt es kurz rosa Frostschutzmittel raus und dann folgt sofort klares Wasser. Passt. Und wenn wider Erwarten doch noch etwas Glycerin in den Leitungen übrig sein sollte, hey, damit wurde in den 80er Jahren sogar Wein veredelt! Wir werden also schon nicht dran sterben…  😉

Nachdem der Frischwassertank komplett gefüllt ist, stöpsele ich das am Wohnmobil befindliche Ende einfach um von der Tankbefüllung auf den City- Anschluss. Hierdurch wird das Wasser nicht aus dem Tank entnommen, sondern direkt über den Wasserdruck in der Schlauchleitung vom Campingplatz. Sehr komfortabel! Auf dem Platz verbrauchen wir also kein Wasser aus dem Tank und haben diese Reserve später, wenn wir wieder unterwegs sind.

Ja und dann folgt die dicke Premiere! Der Kacka- Schlauch!
Ich bin absolut sicher, dass das unerreichte Dokumentations- Referenzwerk mit Robin Williams im Film „Die Chaoscamper“ zwar die Gegebenheiten zur Installation des Kacka- Schlauchs absolut naturgetreu und neutral unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten darstellt, hoffe aber insgeheim, dass mir aufgrund der jahrelangen Erfahrung in Sachen Camping eine derartige Erfahrung in Sachen Fäkaltank erspart bleibt!

Ich werfe also beim anschließenden Andocken unseres Schlauchs an das Abwasserrohr unserer Parzelle all meine Expertise aus jahrelanger Wohnmobil- Kassettentoilettenentleerung in die Waagschale und muss sagen: Das war erstaunlich einfach! Durch den Bajonett- Verschluss rastet das Rohrstück am Wohnmobil passgenau ein und wird in der Position gesichert. Das Gegenstück wird auf das Rohrende gestülpt und das war es auch schon! Ist der Tank nun voll, öffnet man in der Reihenfolge zuerst schwarz und dann grau die entsprechenden Hähne. Und dann gurgelt und sprotzelt es! Ein fragwürdiges klares Sichtfenster am Verbindungsstück zum Abwasseranschluss des Campingplatzes lässt einen dazu auch optisch an den vorbeitreibenden Verdauungsendprodukten einer ganzen Familie teilhaben. Ganz imposant!
OK, es reicht nicht für einen entspannten Popcornabend mit der Familie als Fernsehersatz, aber es ruft bei Nils ein Kichern hervor, der noch nie seine Kacke so nah hat vorbeischwimmen sehen. Reisen bildet!

Um 20 Uhr Ortszeit schlafen die Kinder. Total übermüdet sind sie, nachdem wir sie bettfertig gemacht haben. Innerhalb von Minuten fallen beide in einen tiefen, festen Schlaf.
Nils schläft im Alkoven, Tim und Anja schlafen im großen französischen Bett hinten. Ich werde mich auch gleich in den Alkoven zu Nils legen. Die für den Moment beste Verteilung.
Mal sehen, wie es mit Schlafen und der ersten Nacht in unserem amerikanischen Wohnmobil klappen wird. Der angrenzende Highway erzeugt zwar eine ordentliche Geräuschkulisse, allerdings ist dieses sonore Rauschen noch nicht einmal das Hauptproblem. Die Eisenbahn ist es! Sie tutet! Und das nicht zu knapp. Fahren hier denn wirklich so viele Züge durch, dass alle 5 Minuten getutet wird? Schon merkwürdig. Naja. Es ist zwar hörbar, aber nicht so laut, dass es richtig stört. Zumal wir auch einfach zu müde sind, um uns Gedanken darüber zu machen. Dafür war der Tag einfach zu lang! Ab morgen lassen wir es aber ruhiger angehen!

Meilen bei Abfahrt 30 (Übernahme ab Werk)
Meilen bei Ankunft: 341,0
Gefahrene Meilen (nur Wohnmobil): 311 = ca. 500km

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Beitragskommentare