Bereits um 06:20 Uhr sitzen unsere Kinder in der Fahrerkabine und sind gedanklich offensichtlich schon mindestens 50 Meilen weiter auf dem Weg nach Süden, als wir!
Ein Glück, dass die beiden ohne Schlüssel nicht wirklich vom Fleck kommen, sonst würden Anja und ich hier ganz schön im Kalten sitzen! Buargh, ist das frisch draußen!

Wir müssen auch heute unbedingt schauen, dass wir schnell viele Meilen in südwestlicher Richtung zurückgelegt bekommen, damit es endlich wärmer wird. Little Rock, das Fahrtziel für spätestens morgen, meldet zumindest bereits zweistellige Temperaturen in diesem Frühling. Das wollen wir auch! Stattdessen aber haben wir heute Nacht wieder einmal über das „proud american“ System gestaunt, dieses Mal in Bezug auf die Heizung. Von unserem Wohnmobil bzw. Wohnwagen mit Truma- Vent Heizung sind wir es gewöhnt, dass du die Heizung auf kleiner Stufe nachts laufen lassen kannst. Sie läuft dann monoton durch, das sonore und leise Hintergrundgeräusch kann sogar beim Einschlafen helfen. Aber obwohl auch auf dieser Heizung hier truma drauf steht, funktioniert sie nach einem gänzlich anderen, nämlich dem „proud american“ Prinzip und das geht so: Man stellt eine Temperatur ein. Soweit, so gut. Aber anstelle das die Heizung nun eine automatische durchlaufende Regelung finden würde, schaltet sie erstmal ab!
Wird dann die Temperatur unterschritten, springt der proud Heizungsbrenner und das noch proudere Heizungsgebläse an! Mit einem recht lauten Gebrüll wird dann auf maximaler Stufe so viel Hitze auf Teufel komm raus produziert und ins Fahrzeug gepumpt, dass es innerhalb von 10 bis 15 Minuten richtig lecker warm wird und es den Raum praktisch überheizt.

Dann schaltet die Heizung wieder ab und es wird wieder totenstill. Eine Zwischenstufe gibt es nicht! Entweder an und dann mit maximaler Kraft „proud“ voraus, oder eben aus. Wie die Titanic…
Unglaublich! Da es draußen natürlich kalt war die Nacht, sprang die Heizung diese Nacht entsprechend oft an und es kam oft vor, dass das Anspringen der Heizung einen dann auch aus dem Schlaf reißt. Daran muss man sich echt gewöhnen!

Anja hatte damit zum Glück weniger Probleme, das kennen wir ja. Aber ich bin entsprechend müde, als wir um 06:40 Uhr die ersten Scheiben Brot vom Laib absäbeln.
Etwas gummig geworden, das gestern noch so frische und wohl duftende Brot! Wie ein alter Kaugummi, auf dessen Krume ein Baby wohl den ganzen Tag rumlutschen könnte, ohne es dabei nennenswert zu vertilgen.
Das Brot wird aber sowieso nicht „roh“ gegessen wie es ist, sondern aufgetoastet! Hierfür ist unser Wohnmobil hervorragend ausgerüstet! Neben einer Kaffeemaschine findet sich nämlich auch ein Toaster an Bord! Wir stecken die ersten zwei Scheiben in den Toaster und sezieren kurz darauf ein dickes Stück Kentucky Honigschinken, als plötzlich ein ohrenbetäubendes piependes Geräusch das ganze Wohnmobil flutet! Die Kinder halten sich erschrocken die Ohren zu und ein lautes Rumsen von außerhalb mag möglicherweise dadurch entstanden sein, dass selbst unser Nachbar nebenan vom Geheule aus seinem Bett gefallen ist! Himmel, ist das laut!
Ich brauche einen Moment bis ich mich selbst orientieren und die Herkunft des Geräusches ausmachen kann, fast wird einem vom dem grellen Geschrei schwindelig! Es kommt eindeutig vom proud Rauchmelder, der ehrlich gesagt mehr suboptimal platziert genau über der Küchenzeile montiert wurde! Ist das richtig?
Zum Glück bekommen wir den kleinen Schreihals fix von der Decke und nachdem ich Batterie aus dem Gerät pule, erstribt das ohrenbetäubende Kreischen mit einem „piiiiiiejupp“.
Ruhe!
Also ernsthaft. Ich weiß nicht, was mich, wenn dieses Teil in der Geräuschkulisse mitten in der Nacht los plärrt, mehr aus dem Konzept bringt, um mich in Sicherheit zu bringen. Das ohrenbetäubende, lähmende Geräusch oder die lodernden Flammen…

Nach dem Frühstück räumen wir schnell auf, denn auch heute wird wieder ein Fahrtag. Wir werden mal ganz kühn schon Little Rock als Etappenziel einprogrammieren! Sollten wir es bis dorthin schaffen, würden wir morgen zum Ausgleich einen Jokertag einlegen und zur Abwechslung mal gar nicht fahren. Ob uns das gelingt werden wir sehen. Bevor es aber losgeht, sollen sich die Jungs wenigstens noch ein Stündchen an der frischen Luft bewegen. Es ist zwar kalt, aber die Sonne scheint! Perfektes Wetter für einen Spielplatzbesuch und eine kleine Platzrunde, um erste amerikanische Campingeindrücke im Tageslicht zu sammeln.

Die kleine Platzrunde ist ernüchternd. Zwar ist die Sonne wirklich schön warm, aber die ganze Szenerie hier auf dem Campground ist nach wie vor herbstlich- winterlich. Das Laub des Vorjahres liegt noch überall herum und ich frage mich, ob diese Region hier eher zu den Tornado- ärmeren Regionen der USA gehört. Weil eben das Laub noch überall herum liegt und offensichtlich kein Tornado, geschweige denn ein nettes Herbststürmchen, das Blattwerk mal mitgenommen hat.

Dazu ist keine einzige grüne Knospe zu sehen! Kahl und traurig säumen die Gerippe der Bäume die ganze Campinganlage und lassen nur mit Mühe und Phantasie erahnen, welcher schöne Platz dies zum Beispiel im Mai bei voller Baumblüte sein muss. Schade! Wir hatten uns natürlich auch aufgrund der anhaltenden winterlichen Verhältnisse in Deutschland auf die ersten Frühlingsboten in den USA gefreut! Aber wahrscheinlich sind wir einfach noch viel zu weit nördlich. Das müssen wir unbedingt ändern.

Der Spielplatz, auf dem Nils und Tim sich aufhalten, ist einfach gehalten. Er genügt natürlich einer kleinen Spielrunde, bietet aber auch keine nennenswerten Spielgeräte, die im Gegensatz zu unseren Plätzen besonders hervorzuheben wären (später auf dieser Reise werden wir noch lernen, dass dies übrigens noch einer der besseren Spielplätze ist, aber das können wir jetzt noch nicht wissen…).
Schnell wird der Platz daher für unsere Jungs langweilig, sodass wir weiterziehen. Besonders der See hat es dabei Tim und Nils angetan und sie schicken diverse Stöckchen, Äste und anderes schwimmbares Material auf die Reise. Die Natur ist doch einfach noch der beste Spielplatz. 🙂

Zum Abschluss unserer Orientierungsrunde klären wir noch einen Streit unter dem Nachwuchs, wer jetzt „das Häuschen zusammenbauen“ darf. Also wer von unseren Jungs drücken darf, damit der Slide-Out einfährt. Nur mit der Zusage nach einem langen Ringen, dass derjenige, der jetzt nicht drückt, heute Abend den Slide- Out wieder ausfahren darf, erreichen wir so etwas wie den Frieden von Effingham, der eigentlich in der Stadtchronik urkundliche Erwähnung finden sollte! Tarifverhandlungen zwischen Arbeitgeber und IG Metall dürften einfacher sein! Puh!

Eine knappe Stunde später sind wir soweit startklar. Das Abrüsten des Wohnmobils war erstaunlich einfach. Stromstecker raus, Wasserschlauch ab, Abwasserschlauch ab, bemerken das man vergessen hat den Grauwasserhahn vorher zu schließen, Abwasserschlauch wieder dran, dabei Hände versaut, alle Absperrhähne zu, Wasserschlauch wieder ab und dem sofortigen Wunsch widerstehen, sich die Klamotten vom Leib zu reißen, zu entsorgen und selbst in den etwa so 3°C kalten See springen, um sich zu reinigen. Buargh! Das war echt ekelig! Das muss aber ab morgen besser gehen. Und noch eine Sache ist sicherlich erwähnenswert! Glaubt mal nicht, dass wir für jeden Tag einen neuen Schlauch benutzen können, also quasi 14 Schläuche für 14 Nächte dabei haben. Nee-Nee-Nee! Nur einen! Und der muss die ganze Fahrt über halten! OK, soweit klar, nur wohin jetzt damit? Mehr oder minder erfolgreich gelingt es mir, den nachtropfenden Schlauch wieder in den Karton zu bugsieren, wobei ich wieder dringenden Anlass für eine Notiz an mich sehe:
Merken: Der Wohnmobilausrüstung liegen Einmalhandschuhe aus Gummi bei! Sie sind NICHT dafür da, sie abends mit Luft aufzupusten und damit lustige Einschlafmännchen für die Kinder zu bauen… 😉
Ich tröste mich mit der Tatsache, dass wir als Neuwagennutzer den Schlauch erstmals ausgepackt und in Betrieb genommen haben. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie der Schlauch am Ende des Nutzungszeitraums eines Wohnmobils bereits „durchgereicht und durchgespült“ wurde…

Anja hat derweil drinnen unseren Spül vom Frühstück weggespült und sich über das am Abfluss austretende Dichtmittel gewundert. Es scheint sich jetzt durch das warme Wasser zum ersten Mal ausgedehnt zu haben und quillt nun unter dem Abflusssieb deutlich hervor. Da es dicht ist, lassen wir es genau so. Sieht zwar nicht so schön aus, aber lieber so als das es uns den Küchenunterschrank unter Wasser setzt. Ob das so richtig ist, also mit dem überquellenden Dichtmittel, wird wohl Roadbear bei der Rückgabe des Fahrzeugs beantworten können. Ja, es kribbelt natürlich in den Fingern, daran herum zu piddeln! Könnt ihr bestimmt verstehen. Aber wir widerstehen der Versuchung! 😉

Bevor es aber auf den Highway geht, tanken wir kurz vor der Autobahnzufahrt noch an einer Tankstelle. Gar nicht so einfach dieses Mal! Denn von unseren immerhin drei verfügbaren Kreditkarten (wir probieren es mit Debit Via, Debit Master und Credit Visa, alle drei werden rejected…) akzeptiert der Automat hier keine einzige!

Der dritte Tankvorgang auf dieser Reise und das erste Mal ein Problem. Nicht schön. Im Shop hinterlege ich kurz darauf 50 Dollar, die mir unsere Zapfsäule freischalten. Es geht doch nichts über Bargeld. Blöd ist jetzt nur, dass die Zapfpistole schon bei 47 Dollar stoppt! Gut geschätzt mit dem Verbrauch, aber eben nicht gut genug! Ich quetsche in den Tank, was hinein passt und als am Ende wirklich die 50 Dollar vertankt sind, sieht das Wohnmobil so satt und abgefüllt aus, wie ich gestern Mittag nach dem Konsum des Baconator von Wendy´s!
Nun, der Tank ist randvoll, es kann losgehen! Amerika und warmer sonniger Süden, wir kommen!
Wie? Ob ich nochmals zur Sicherheit den Spritverbrauch ausgerechnet hab? Nun, äh, also ich war so happy, dass ich für 50 Dollar den Tank vollquetschen konnte, dass ich das glatt vergessen hab. Sorry. Bestimmt beim nächsten Mal. Mein Herz verträgt keinen weiteren Schock mehr, ihr versteht schon. 😉

Die nächsten zwei Stunden passiert nichts Aufregendes. Ein letztes Mal zögern wir, ob wir wirklich straight Richtung Süden fahren und auf der Interstate 57 bleiben. Richtung Memphis und Little Rock als Tagesziel.
Oder ob wir der Interstate 70 Richtung Westen und St. Louis folgen, um direkter auf der Route 66 zu bleiben. Hier in Effingham müssen wir uns endgültig entscheiden. Da wir abeer ja wirklich sehr früh unterwegs sind, bleibt es bei Kurs Süd und dem Tagesziel Little Rock, ich möchte die Präsidentenbibliothek von Bill Clinton einfach sehen und dieses Reiseziel gerne schon früh abhaken.
Etwa sechs Stunden Fahrtzeit liegen also zwischen uns um dem „Oval Office“.

Nachdem wir hinter Effingham auf die Interstate 57 abgebogen sind, wird es noch eintöniger. Die Natur bleibt in weiten Teilen trist und grau. Von Frühling weiterhin nichts zu sehen. Trotz Sonnenschein ist das Gehölz und Gestrüpp neben der Autobahn wie tot. Schade! Das hatten wir uns wirklich etwas anders vorgestellt. Letzte Hoffnung setzen wir aber auf die Wetterscheide und Wechsel der Klimazone, wenn wir Arkansas erreichen. Dort sind nach wie vor deutlich höhere Temperaturen vorhergesagt, zumindest war dies gestern im Wetterbericht deutlich zu erkennen. Und wenn nicht dort, dann doch wenigstens im weiteren Reiseverlauf in Texas?!

Die Fahrt mit dem Wohnmobil könnte darüber kaum abwechslungsärmer sein. Es geht geradeaus, nur selten durch Bögen (das sind keine echten Kurven hier) unterbrochen. Die Strecke ist frei, eben und sehr gut einsehbar. In Deutschland würde hier wohl kaum einer die erlaubten 70 Meilen fahren, was gerade mal etwa 112 km/h entspricht. Da würde man bei uns nur träge und das passiert auch hier! Bleiern fühlt sich das Fahren am Stück an. Gelegentlich nur unterbrochen durch überholende LKW, die offenbar die Geschwindigkeitsgrenzen derart ausreizen, dass sich der eine oder zwei mehr km/h doch lohnen, um aufgrund der schieren und höheren Distanzen nennenswert früher am Ziel zum sein. Es ist noch immer ungewohnt, wenn die schweren amerikanischen Trucks an einem vorbeiziehen! Nicht selten entwickeln sie dabei einen Sog, der uns dann etwas aufschaukelt. Da unser Wohnmobil wenig spurtreu ist und man selbst ohne überholenden LKW wirklich noch am Lenkrad „lenkt“ und es nicht einfach nur in einer Stellung festhält, wird der Effekt durch die Andruck an den LKW natürlich noch verstärkt.
Manchmal fühlt sich das Lenken dabei an wie auf einem Kinderkarussell auf der Kirmes! Da kannst du ungestüm wie ein Dreijähriger am Lenkrad nach links kurbeln und der Karren zieht dennoch nach rechts… 😮

Ich gewöhne mir noch im Verlauf des Tages an, dem Rückspiegel beinahe mindestens ebenso Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, wie der Straße vor mir. Die niedrige Geschwindigkeit gepaart mit der endlosen Weite macht es möglich. Nähert sich ein LKW, fahre ich etwas nach rechts versetzt auf unserer Fahrspur bis an die Begrenzungsmarkierung, was den Effekt deutlich vermindert! Da die LKW zwar schneller sind, die Differenzgeschwindigkeit aber nicht sehr groß ist, hat man auch genügend Zeit das Manöver ruhig und gelassen anzusteuern, bis einen der LKW dann final erreicht.

Bei überholenden PKW hingegen muss man sich übrigens keine Sorgen machen. Die tangieren das Wohnmobil gar nicht, obwohl diese mitunter nochmals deutlich schneller überholen und ebenso fix am Horizont verschwinden, wie sie im Rückspiegel aufgetaucht sind. Wie gesagt, ich kann es verstehen! Dieses Kriechen auf langen Strecken ohne viel Verkehr und Not macht träge und müde! Da will man nach ein paar Stunden Fahrt einfach nur noch ankommen! Des Weiteren hast du einen PS- Bomber unter dem Hintern, der mit einem entsprechenden Fahrwerk vorausgesetzt auch für Geschwindigkeiten jenseits der 200 km/h geeignet ist. Und dann fährst du damit 112. Oh- Mann!
Das das Einhalten der Geschwindigkeitsbegrenzung dennoch kein schlechter Ratgeber ist, sehen wir allerdings auch mehr wie einmal. Manchmal ist es wirklich verwunderlich, hinter welchem Baum oder aus welcher Kuhle die Highway Patrol plötzlich geschossen kommt! Aber nicht selten kommt es vor, dass wir einen PKW, der uns wenige Minuten zuvor überholt hat, hinter der nächsten Kuppe oder Kurve am Strandstreifen stehen sehen. Hinter ihm die amerikanische Highway- Patrol mit einem Lichtermeer aus blauen und roten Warnlichtern auf dem Dach, bei dem unsere Polizei wohl in Neid und Ehrfurcht erstarren würde.

Um viertel vor 12 passieren wir den nächsten markanten geografischen Punkt der vereinigten Staaten. Den mächtigen Mississippi! Breit, träge und dumpf wie brauntönig empfängt er uns und schließt gleichzeitig die Türe zum nächsten Bundesstaat auf. Missouri!

Einmal mehr bemerken wir unterwegs, wie wichtig doch gerade in dieser Einöde und den langen Strecken das Internet ist! Würde Anja nicht mit ihrem Handy gelegentlich bei google Maps die Verkehrslage abrufen und für teures Datenroaming darauf hinweisen, dass ein Stau bei Memphis nach einem Unfall größer und größer wird, wir würden wahrscheinlich blindlings hinein fahren! Schon vorhin auf einem kleinen Rastplatz habe ich versucht, die mobile Sim- Karte vom Tesco zu aktivieren. Aber wie es natürlich ist: Um eine Datenkarte für das Internet zu aktivieren, brauchst du erstmal Internet!
Ein klassisches Paradoxon und in etwa das Prinzip, wenn man zum Öffnen der Verpackung der neu gekauften Schere eine Schere braucht…

Nun, ein WLAN Hotspot muss her. Wenn wir die Karte mobil über das Roaming aktivieren kommen vielleicht ungeahnte Datenmengen auf uns zu. Und da der Stau voraus sowieso immer dicker wird, fahren wir an der Ausfahrt 8 bei Steele von der Interstate runter, um ein Stückchen über die Landstraße 164 nach Westen zu fahren. Unterwegs kommt dann sicherlich irgendwo ein Truck Stop oder ein Diner, wo wir zum einen ein feines proud american Mittagessen genießen können und zum anderen mittels eines hauseigenen free-WiFi auch die Datenkarte für die USA endlich aktiviert bekommen.

Gesagt getan, es geht nun über Land weiter! Das Speed Limit beträgt zwar nur noch 55 Meilen, aber das macht nichts. Im Gegenteil! Denn statt der tristen naturdurchschneidenden langweiligen Fahrt auf dem Highway ploppen jetzt zur Abwechslung auch mal kleinere Siedlungen vor uns auf, die etwas Abwechslung beim Blick aus dem Fenster bieten. Zumindest glauben wir das noch beim ersten Weiler und auch beim zweiten kleinen Örtchen geben wir die Hoffnung noch nicht auf. Als aber auch die dritte Siedlung auf dem Weg wie ausgestorben wirkt, wird uns allmählich doch ein wenig mulmig!
Wo sind denn all die Menschen bitte?
Man sieht praktisch niemanden!

Klar. Andere Autos sieht man schon gelegentlich. Aber sie huschen als Gegenverkehr nur kurz vorbei und das war´s. Dann bist du wieder über lange Abschnitte allein mit dir selbst und der Straße.
Ein bisschen wird uns dabei schon mulmig!
Keine Ahnung, wir können es schwer beschreiben! Es hat etwas Postapokalyptisches! Einen Hauch von „Walking Dead“ vielleicht!

Nur wenig später kommen wir zu einer Reiseerkenntnis, so unumstößlich wie der schiefe Turm von Pisa!
Genauer: Gäbe es in den USA irgendeinen Ort, der von einem möglichen Atomschlag vor drei Tagen noch nichts mitbekommen hat, voila, in Siedlungen wie Rives, Hornersville oder Arbyrd wäre er wohl zu finden! Ja mehr noch! HIER, in Rives, Hornersville und eben Arbyrd, wurde sehr wahrscheinlich der allseits bekannte Spruch „Hier möchte ich nicht tot über dem Zaun hängen“ erstmals in der Geschichte von den frühen Siedlern urkundlich erwähnt! So einsam sind diese Orte. Und seitdem haben sich die Orte irgendwie nicht weiterentwickelt…
Würde hier nicht wenigstens das ein oder andere frühblühende Bäumchen den ersten Hauch von Frühling anzeigen, die Tristesse einer kargen Mondlandschaft wäre vermutlich attraktiver. :-/

Wir atmen auf, als wir gegen 13:41 die Grenze zum Bundesstaat Arkansas passieren und etwa 10 Minuten die erste deutlich belebtere Siedlung das Städtchen Paragould erreichen. Hier werden wir was finden!
Tatsächlich entdecken wir kurz darauf auf der rechten Seite einen McDonald`s! Gut, wir hatten zwar gesagt wir wollten die in Deutschland ebenfalls verfügbaren Fast- Food- Ketten auslassen, um eben die amerikanische Abwechslung vollends auskosten zu können, aber zum einen möchte Nils unbedingt ein weiteres Mal einen McDonalds in Amerika besuchen und zum anderen waren die übrigen Fast- Food Ketten alle auf der linken Straßenseite! Und da der Verkehr dicht ist, habe ich keine Lust, gleich zwei Mal mit dem Wohnmobil links von bzw. auf eine Hauptstraße abzubiegen! Parken rechts fällt mit dem dicken Schiff auch aus (zumal man Probleme hätte als Familie über die dicht befahrene Hauptstraße über die Straße zu gehen) und zu guter Letzt wissen wir sicher, dass McDonalds ein passables kostenloses WiFi hat. Wir müssen unsere Mobilfunkkarte ja noch aktivieren…

Der McDonalds hier übertrifft all unsere Erwartungen und Erfahrungen, die wir jemals besucht haben. Er hat nicht nur ein ausgezeichnetes WiFi, sondern auch einen tollen, fast überbordenden Spielbereich für Kinder! Das ist übrigens auch eine Beobachtung, die wir mit euch gerne teilen. Das ist strategisch richtig clever von McDonalds!
Denn offensichtlich treffen sich nun gleich mehrere Familien, in Ermangelung eines öffentlichen Spielplatzes, hier bei McDonalds! Kinder und Familien kommen und gehen und jeder scheint sich irgendwie zu kennen. Ist wie auf den Spielplätzen bei uns im heimatlichen Wohngebiet! Nur das hier eben keine Blümchen gepflückt und selbst mitgebrachte Chiasamen- Kekse auf der angrenzenden Wiese von den Öko- Muttis gereicht werden, nein, hier reicht der Clown die fetten Chicken Nuggets mit Pommes! McDonalds hat diese Lücke im Sozialisierungsbedürfnis frisch gebackener Eltern offenbar erkannt und mit diesem Spielbereich auch sehr clever besetzt. So wird die Burgerschmiede zum lokalen Spielplatzersatz, Schmelztiegel und Treffpunkt, wobei die sich treffenden natürlich auch hier wie selbstverständlich in den Burger beißen. Der Laden ist voll und entsprechend klingelt die Kasse. Gut für Ronald. Schlecht für die Kids hier. Denn wer spielt, bekommt auch Hunger. Und Kinder wollen bekanntlich oft spielen…
Die Kasse klingelt aber nicht nur bei den jungen Familien hier im Speisesaal des Burgerbrateristen, sondern auch draußen auf dem Parkplatz! Das ist der erste McDonald’s den wir sehen, der gleich zwei (!) Fahrspuren für den Drive- In „McDrive“ hat! Und dennoch hat sich eine Schlange gebildet.
Wie gesagt, dieser McDonalds hier ist ein Superlativ im Land der Burgerbraterschmieden…

Die Kinder verschwinden recht schnell auf dem Spielturm, was uns natürlich Zeit gibt, um uns in Ruhe mit der Sim- Karte von Walmart, der Straight- Talk- Karte, zu befassen. Zu meiner Überraschung finden sich im Paket gleich drei Sim- Karten, die je nach Telefon verwendet werden sollen. Einmal für AT&T, einmal für T-Mobile und einmal für Verizon Handys. Optisch sehen alle drei gleich aus.
Hmm. Da keine von den dreien so recht auf unser simlock- freies Handy passt, nehme ich einfach die Karte von T-Mobile (ein Stückchen Heimat, da muss ich mir glatt ein Tränchen verdrücken 😉 ) und stecke sie in unser einfaches Motorola- G5 Handy. Wir verwenden dieses Handy eigentlich zur Überwachung von Tims Werten im Kindergarten, aber hier in den USA soll das Handy zum mobilen Hotspot für Anja und mich werden.
Die Einrichtung funktioniert auch recht passabel. Es folgen ein paar Nachrichten auf das Handy, es wird etwas gespeichert und dann ist es einsatzbereit. Mit einem dicken Haken!
Das Feld „Tethering / mobiler Hotspot“ im Menüpunkt des Handys ist ausgegraut!
DAS ist komisch!
Ich forsche ein bisschen im Internet und finde heraus, dass der Mobilfunkanbieter Straight- Talk den Datentransfer NUR und AUSSCHLIESSLICH im unmittelbar verbundenen Handy erlaubt. Finden die raus, dass man diese Regel missachtet, also die WiFi- Verbindung mit anderen Geräten teilt, sperren die einem die Karte!
Was soll DAS denn bitte? Das ist ja Bevormundung! Es ist doch MEINE Sache, was ich mit meinem gekauften Datenvolumen mache, oder was meint ihr?! Ich meine Daten sind doch Daten! Ich habe ein Volumen und was ich damit mache und mit welchem Gerät, das ist doch MEINE Sache?! Ganz ehrlich, das regt mich auf und ich bin entrüstet darüber!
Oder ist das jetzt deutsches bzw. europäisches Mentalitätsdenken?
Wahrscheinlich wird die Regelung irgendwo im Kleingedruckten stehen und ich hätte mich halt vorher mit den Gepflogenheiten vertraut machen müssen. Der WalMart Mitarbeiter in Effingham hat mir ja angeboten, mir das Handy einzurichten. Aber ich musste es ja dankend ablehnen…
Also was tun? Zu Walmart zurückbringen und eine Karte verlangen, die ich frei nutzen kann?  Mein Geld zurückverlangen? Das kostet Zeit, Nerven und Internet haben wir danach auch noch nicht sicher. Eine andere Lösung muss her. Ich muss nur mal ein wenig überlegen…

Nach dem späten Mittagessen geht es gegen 15 Uhr weiter. 250 Kilometer müssen wir noch abreißen und weil ich Sorge habe, dass wir bei später Ankunft vielleicht keinen Platz mehr bekommen, rufe ich bei meinem favorisierten Wunsch- RV- Park, dem Downtown Riverside RV Park in North Little Rock einmal an. Tatsächlich war die Idee gut! Denn man sagt mir am Telefon, dass nur noch ein einziger Stellplatz frei wäre! Dies aber auch erst, nachdem ich bestätigt habe, dass wir auch wirklich für zwei Nächte bleiben möchten. Ich sage zu. Alle anderen Plätze um Little Rock herum wären nicht wirklich eine Alternative, nur der Platz Downtown am Ufer des Arkansas River liegt fußläufig zur Brücke, Altstadt und natürlich zur Präsidentenbibliothek von Bill Clinton, sodass nur dieser für einen Besuch beim Präsidenten ein gutes Ziel ist. Das ist der Plan! Morgen aufstehen, frühstücken und dann einen Tag in Little Rock und im (Ex-) Zentrum der Macht, ohne das Wohnmobil bewegen und irgendwo hinfahren zu müssen. Damit das klappt, müssen wir aber heute noch auf dem RV- Wohnmobilstellplatz ankommen.

Am Ortsausgang stoppen wir noch kurz an einem Dollar General Supermarkt. Die Cornflakes- Serie der Jungs hat unerwartet an unserem Milchvorrat gezehrt und bevor wir am Ende keinen Supermarkt am Stellplatz finden, ergänzen wir unsere Vorräte lieber hier.
Die Auswahl des Dollar Supermarktes ist deutlich kleiner als die beim Walmart, dafür verläuft man sich aber auch nicht und muss nach dem Einkauf seine Familienmitglieder am Informationsstand ausrufen lassen, wenn man die Reise gemeinsam fortführen möchte.

Was aber sofort auffällt: Hier gibt es gar keine Abteilung mit Frischware! Entweder Tiefkühlkartons, oder alles in der Dose. Aber eine Obst- und Gemüseabteilung oder frisches Fleisch, davon findest du hier nichts!
Hat was von „Schlecker“ der Laden. Nur mit einer Tiefkühltruhe und dem Sortiment eines Autohofs an Lebensmitteln. Dafür, dass wir Filialen des Dollar General bzw. Dollar Family in praktisch jedem Ort gesehen haben, ist das Angebot erstaunlich überschaubar und der Laden recht leer. Aber wer z.B. unterwegs dringend einen Schwangerschaftstest für nur einen Dollar sucht, wird hier zufrieden fündig werden…

Die nächsten zwei Stunden Fahrt auf dem Highway 67/167 verlaufen ebenso trist, wie die zwei Stunden heute Vormittag vor Paragould. Endlos lange Weiten, zweispurige Streckenabschnitte und ein Tempolimit zum Einschläfern. Aber es nützt ja nichts. Wir müssen da jetzt durch! Dafür haben wir dann morgen auch den ersten komplett fahrfreien Tag als Ausgleich.
Die Kinder schauen abwechselnd gelangweilt aus dem Fenster oder ins Tablet, Anja schaut gelangweilt aus dem Fenster oder ins Handy, bei letzterem stets auf der Hut, bloß nicht ein Kilobyte zuviel aus dem amerikanischen Netz zu quetschen. Denn unser EU- Roaming- Daten- Einheitspreis gilt hier in den USA natürlich nicht. Und ich? Ich ärgere über den Beschiss mit der SIM- Karte und tüftele an einer Lösung. Dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen!
Anja bekommt die Datenkarte! Also ich meine natürlich ihr Handy.
Sie wird nur wenig Wohnmobil fahren in diesem Urlaub, wenn überhaupt. Gleichzeitig muss sie aber doch die Verkehrslage im Auge behalten oder unterwegs die Sehenswürdigkeiten der Route 66, wenn wir sie ab übermorgen befahren, voraus planen. Und da ihr HTC ein Dual- Handy für zwei Simkarten ist, muss sie noch nicht einmal auf ihre Rufnummer, Whatsapp und Co. verzichten! Der Datentransfer läuft dann über die zweite hier gekaufte Sim- Karte, während alle anderen Funktionen wie auch ihre Rufnummer an die erste, deutsche Sim- Karte gebunden bleiben. Dagegen sollte Straight Talk doch wohl kaum etwas haben, oder?
Ich nehme mir vor, diese Lösung noch heute Abend in die Tat umzusetzen. Tja, da hat die triste Autobahnfahrerei doch noch etwas Gutes. Der Kopf hat einfach Kapazität und Raum zum Denken, wenn du mit 60 Meilen pro Stunde im Tempomat am Lenkrad hängst und vor dir voraus ein endlos langes wie leeres Asphaltband den Weg säumt.

Gegen 18 Uhr wird es fast schlagartig dunkel. Ebenso fix fängt es an zu regnen und natürlich wird der Verkehr, als wir uns auf Little Rock zubewegen, auch sprunghaft dichter! Ales wäre das abrupt wuselige Verkehrsgeschehen mit links UND rechts überholenden Fahrzeugen nicht schon fordernd genug, wird es durch die zahlreichen Werbe- Reklamen nicht besser! Geradezu penetrant drängen sich grell erleuchtete Werbetafeln, blinkende Lichter und helle Reklamen am Wegesrand ins Blickfeld. Wollen aggressiv auf neueste Immobilienangebote hinweisen oder mir ein Auto verkaufen.
So langweilig die mehrstündige Überlandfahrt auch war, so abrupt ist das nun auf uns niederprasselnde urbane Gegenteil, bei dem von uns beiden plötzlich volle Konzentration verlangt wird!  TILT macht es im Kopf, die Umstellung ist heftig!

Endlich geht es vom Highway an der hoffentlich richtigen Ausfahrt herunter. Allerdings wird der Verkehr dadurch keinesfalls besser, nicht das ihr denkt! Was ist denn hier nur los bitte? So ein Gewusel! Autos fahren kreuz und quer, schießen über Kreuzungen und queren die Fahrbahn. Sind wir in Dreharbeiten zu einem neuen Actionfilm gelandet? Ein neuer Film aus der Transporter- Reihe vielleicht?

Surreal wirken auch die ganzen Männer und Frauen, die mit Warnwesten und stabförmigen roten Handleuchten am Straßenrand stehen und krampfhaft versuchen, den Verkehr in eine bestimmte Richtung zu lotsen! Instinktiv möchten wir den Lichtern folgen, es könnte sich ja um eine offizielle Umleitung handeln! Zuerst möchte ich den Handzeichen der mit Warnweste und Mütze wichtig aussehenden Verkehrslotsen auch Folge leisten, aber zu unserer Überraschung folgt so ziemlich kein anderer Autofahrer vor oder neben uns fahrenden Autos den Lichtern! Die fahren alle stur ihren Kurs und die Winkemänner und Frauen winken ebenso starr dagegen erfolglos an. Was ist DAS denn?!
Bis es uns dämmert. Die sind gar nicht offiziell!
Das sind simple Parkwächter von privaten Grundstücken, die aggressiv versuchen, unbedarfte Reisende auf ihre kostenpflichtigen Parkplätze zu locken! Und fast fallen wir darauf sogar herein, weil sie mit Warnweste und Kopfbedeckung halt so offiziell aussehen!
Hier muss irgendein Event stattfinden, denn für nur 10 Dollar pro Parkplatz buhlen nicht nur die zahlreichen Einweiser hier um Kundschaft, sondern auch das unerwartet hohe Verkehrsaufkommen würde sich damit erklären.
Ein Glück, dass wir vorhin angerufen und unseren Platz für die Nacht reserviert haben! Sonst hätten wir jetzt echt ein Problem! Nicht nur, dass zu dieser Stunde keiner mehr am Tor des kurz darauf erreichten RV Park ist, es wäre auch gar kein Platz frei!
Neben einem Umschlag für mich hängen noch zwei weitere Umschläge für Spätankommer bereit. Zusammen mit denen sind auf dem Platz, den wir später einmal komplett umrunden, auch nur genau diese drei Stellplätze frei. Die Dame am Telefon hat also gar nicht gelogen. Der RV- Platz hier ist voll!

Wie wir erfahren, hängt dies mit einem heute Abend stattfindenden Konzert in der Stadthalle zusammen. Also in etwa so vergleichbar, als wäre in der Kölner Lanxess- Arena ein Auftritt von den Rolling Stones und man versucht nun, mit einem Wohnmobil auf den Wohnmobilstellplatz direkt neben der Halle zu gelangen. Klar, dass dies zu einer apokalyptischen Herausforderung für die gesamte Besatzung des Wohnmobils wird!
Das brauchen wir bitte kein zweites Mal! Ich bin froh, als der Motor am Tor zum Wohnmobilstellplatz endlich schweigt und wir einen Moment durchatmen können.
Die Codenummer, die wir am Telefon gesagt bekommen haben, öffnet die Schleuse und wir können mit unserem großen Wohnmobil auf das Areal des Downtown Riverside RV Park in North Little Rock einfahren.
Obwohl „groß“ es hier nicht mehr ganz trifft. Im Gegenteil! Hätte ich bei der Fahrzeugübernahme im Coachmen- Werk auf jeden Fall noch behauptet, dass wir eines der größeren Fahrzeuge bekommen haben, fühlen wir uns etwa so fehl am Platze, wie man mit einem VW T2 Westfalia in einer Reihe mit Concorde-, Morelo- oder Voelkner- Oberklassenwohnmobilen nur sein kann.
Das ist kein Witz Leute! Wir sind wirklich die einzigen, die hier mit einem schnöden C- Class Wohnmobil stehen! Fast schon bemitleidenswert! Und das bei immerhin 61 Parzellen! Kann gut sein, dass sich die hier versammelte Camperschaft heute Abend noch spontan solidarisiert und für die „Armen Germans, they have nur such a small Wohnmobil“ Geld unter den ihren sammelt…
Alle anderen Fahrzeuge hier sind entweder die typischen A- Class Luxuswohnmobile, oder es sind Trailer, die mit den fettesten Jeeps und Geländewagen gezogen werden und noch eine Kante größer wirken, als die A- Class Wohnmobile.
Viele von Ihnen stehen offenbar schon länger hier, einige haben zusätzliche Autos oder Motorräder auf ihre Parzellen gepfercht, mit denen sie sich den wenigen Platz der voluminösen Parzellen teilen.
Auch auf unserer Parzelle parkt ein großer Geländewagen vom Nachbarn, der aber immerhin sofort den Platz räumt, kaum dass wir um die Ecke biegen.

Glück haben wir mit unserem Platz aber dennoch. Er ist zwar für unser Wohnmobil hoffnungslos zu groß, dafür aber stehen wir in der ersten Reihe direkt mit traumhaften Blick auf die beiden Brücken und den Arkansas- River sowie die stilvoll beleuchteten Wolkenkratzer der Altstadt. Ein toller Platz! Sogar die Präsidentenbibliothek ist links von uns aus schon zu erspähen, das ist morgen wirklich nicht weit und ein toller Spaziergang über eine spannend anmutende Brücke.

Kaputt und müde möchte ich am liebsten nur noch das Abendessen zubereiten und die Kinder dann ins Bett schicken. Auch, weil es draußen empfindlich kalt und nass geworden ist. Tagsüber soll es zwar wieder knapp zweistellige Temperaturen geben, aber in der Nacht geht es auch hier noch gegen Null Grad. Das ist und bleibt frisch!
Schnell die Schläuche dran und den Strom anstecken. Aber was ist das? Unser Stromstecker passt nicht?! Wir haben drei gerade Pinne in unserem Männchen. Im Stecker der Säule kann ich aber entweder nur einen Anschluss mit drei gebogenen Pinnen einstecken oder eben eine normale Steckdose benutzen. Wir haben zwar einen Adapter für eine normale Steckdose, aber die Steckdose in der Versorgungssäule ist so unglücklich angebracht, dass unser Adapter dort nicht hinein passt! Kein Platz! Was nun? Brauchen wir vielleicht für den Strom einen anderen Adapter?
In meiner Verzweiflung versuche ich es in der Rezeption. Aber wie schon bei unserer Ankunft ist auch jetzt hier niemand mehr da. Die Lichter sind alle aus und die Türe ist zu.
Soll ich jetzt beim Nachbarn fragen?
Ich probiere es erstmal ohne Strom und tatsächlich funktionieren mit Ausnahme der Mikrowelle alle Gerätschaften auch souverän mit Bordstrom. Sogar der schwere Slide- Out lässt sich über die Batterie ansteuern, sodass Tim zufrieden die Bedingungen des historischen Friedens von Effingham vom heutigen Vormittag nun umsetzen und den Slide- Out ausfahren kann.

Wasser und Licht funktioniert davon abgesehen auch problemlos und da der Ofen auf Gas läuft, können wir uns sogar ein prima Abendessen zaubern!
An der Stelle hätte ich übrigens zum ersten Mal besser bei der Fahrzeugeinweisung aufgepasst. Denn die Funktionsweise hier in diesem amerikanischen Wohnmobil  weicht doch ein wenig von den Gasgrills deutscher bzw. europäischer Wohnmobile ab, wie wir anhand unseres Mietmobils im Sommer 2016 in England bestätigen können. Kurzum: Ich bekomme den Ofen nicht ans Laufen! Peinlich…
Da Anja sich zum Glück nichts daraus macht, wenn ich als Mann selbstverständlich auf einen Blick ins Handbuch verzichte und damit den Breiten markiere, schaue ich eben doch verstohlen ins Handbuch. Muss ja keiner wissen. 😉
„Aha!“ rufe ich aus! Gleich so, als hätte ich gerade den Satz des Pythagoras erstmals nach d2 aufgelöst.
Die Flamme zur Initialzündung ist hinten im Ofen!
Kaum halte ich daraufhin meinen kompletten Arm mit einem brennenden Feuerzeug in der Hand kurz in die Röhre, zischelt der Ofen auch tatsächlich an. Geht doch. Ich halte es persönlich zwar für eine Fehlkonstruktion, meinen ganzen Arm einmal komplett längs in die Röhre stecken zu müssen (so vom Thema Verpuffung und so, aber gegrillter Arm soll ja auch lecker schmecken…) und dabei praktisch nicht sieht, wo genau man die Flamme hinhalten muss, aber gut. Es pufft kurz und dann brennt es im Ofen.
Eine kleine zögerliche Flamme gibt nun die Grundstellung des Brenners frei. Nachdem diese brennt, kaum größer als die Flamme des Feuerzeugs, kann man den Arm aus dem Ofen heraus nehmen und dann den Regler dann aufdrehen. Dann erst zündet erst die Reihe des Brenners und macht sofort den Ofen heiß.

Den Tipp aus dem Handbuch übrigens, im Backofenbetrieb auch gleich den Lüfter einzuschalten und auch ein Fenster zu öffnen, weil sonst der Rauchmelder anschlägt, ist super!
Wenn man ihn vorher liest!
Den plärrenden Rauchmelder hatten wir zwar in weiser Voraussicht abgehangen (das Toast von heute früh wirkt eindeutig nach, die damit verbundene Alarmkulisse hat sich regelrecht ins Gehirn eingebrannt!) und unter einem Kissen verstaut, aber dennoch brauchen wir ziemlich schnell alle geöffneten Fenster, Dachluken und sogar eine komplett aufgerissene Türe!
Der Ofen qualmt auf einmal, wie ein mittelalterliches Schwefelfeuer während der Belagerung von Jerusalem im Jahre 1099 n. Chr.!
Schnell wird klar, dass es sich hierbei um die Imprägnierung des Ofens handelt, die erst freigebrannt werden muss. Das Los der Neuwagenfahrer. 😉

Noch während der Rauch aus den geöffneten Dachluken abzieht und wir uns durch die Nebelschwaden im Fahrzeug allmählich wieder gegenseitig erkennen können, schiebe ich die Pizza in den Ofen. Schnell zieht dann auch der Duft von frischer Pizza durch den Wohnbereich, der allerdings auch ebenso schnell durch „herrliche“ Röstaromen abgelöst wird!
Oh- weia!
Die Pizza ist innerhalb von wenigen Minuten am Boden fast komplett verbrannt! Zuviel, um es weg zu kratzen und definitiv zu viel, um sie zu essen und sich damit dem wohl sicheren Akrylamidtod hinzugeben.
Ich mag es zwar auch gerne knusprig, auch mal grenzwertig, aber das ist dann selbst mir wirklich „too much“.

Nils und Tim finden das aber nicht schlimm und kichern kurze Zeit später, weil sie den Belag mit einem Löffel von der Pizza herunteressen dürfen. Denn von oben ist die Pizza bis zum „Knusperboden“ brauchbar. „Das erzähle ich im Kindergarten!“ posaunt Nils stolz heraus. Na super! Hoffentlich folgt da nicht noch ein „Orientierungsgespräch“ mit der Erzieherin. 😉

Die zweite nachgeschobene Pizza wird dann aber etwas besser. Man muss nur die Temperatur etwas herunter regeln, dann klappt es auch mit einer gesunden Bräune und geschmolzenem Käse.
Und die Ofenpizza hier ist erstaunlich lecker, wenn man sie richtig zubereitet. Was tun die da nur rein, was bei uns fehlt? Egal, ob es bei uns durch die EU- Verordnung XY08/15 irgendwas verboten ist, genau SO sollte eine proud american Pizza schmecken!

Viel spannender als erstmals in ihrem Leben eine Pizza zu löffeln finden die Jungs übrigens das Gewitter, welches ebenfalls amerika- typisch deutlich größer, stärker und besser aufzutrumpfen scheint, als unsere europäischen Schönwettergewitter. Himmel rumpelt das! Proud american weather sozusagen!
Es donnert und knallt so sehr, dass es Nils wie Tim mit der Angst zu tun bekommen und sogar Anja wird ernsthaft ein wenig mulmig! Ich vertraue aber darauf und mache meiner Familie damit Mut, dass ja auch kein anderer aus seinem Fahrzeug flüchtet und sich z.B. unter die angrenzende Brücke rettet. Wird schon halten unser Wohnmobil! Zumal der Regen auf dem Dach hier nochmals deutlich anders klingt, als auf den Dächern europäischer Wohnwagen und Wohnmobile! Es hat ein bisschen was von einem Xylophon- Spiel! So, wie wenn man auf hohle Holzkörper klopft! Klingt faszinierend. Gleichzeitig aber auch schwer robust irgendwie.
Wir würden ja wirklich gerne in den Wetterbericht schauen, ob wir das schlimmste gerade erleben, oder ob wir uns wirklich noch Sorgen für die Nacht machen müssen! Leider klappt es hier nicht nur mit dem Strom nicht, auch das WLAN Netzwerk ist nicht wirklich brauchbar. Nach dem Verbinden mit dem platzeigenen WLAN stellt es leider kein Internet bereit. Schade.

Nachdem alle im Bett sind und schon schlafen, kehrt allmählich Ruhe ein. Nur das Gewitter brüllt unverändert ausdauernd auf dem Wohnmobildach, untermalt von grellen Blitzen, die durch die Nacht zucken. Normalerweise kann sogar ich, der sich von Geräuschen auf dem Campingplatz doch meistens eher vom Schlafen abhalten lässt, bei Gewitter sogar gut schlafen im Wohnmobil!
Wenn da nur diese unglaubliche Schwüle nicht wäre! Mein Handy sagt mir, dass wir noch immer 17°C haben! Das ist nicht viel. Dazu  aber eine Luftfeuchtigkeit von 91%! Richtig schwül ist es mit dem Gewitter geworden! Die Kabbelkälte, die wir bei unserer Ankunft noch gespürt haben, scheint mit dem Gewitter weggeblasen worden zu sein!
Man hält es kaum aus, obwohl es doch gar nicht so warm ist! Ich würde am liebsten die Dachluken aufreißen und die kalte Nachtluft ins Fahrzeug einströmen lassen. Aber das geht nicht, dann wird aus dem Roadbear ein waschechter Waterbear! Was also tun?
Ich bin müde und gleichzeitig verschwitzt. Allein der Gedanke an die dicke Roadbear- Bettdecke lässt mir ein Rinnsal die Pofalte runter laufen. Das geht gar nicht! Also tue ich das, was mir als einziges einfällt, um das Gewitter abzuwarten und danach hoffentlich die Dachluke ein Stück aufmachen zu können. Ich tippe am Reisebericht…

Als der Regen gegen 20:30 Uhr Ortszeit endlich nachlässt, kann auch ich meine Augen nicht mehr aufhalten. Der Fahrtag begann früh, war lang und zum Schluss sogar nochmals richtig anstrengend. Die Kräfte sind aufgezerrt, der Akku ist leer. Buchstäblich, zumindest was den Laptop- Akku angeht, denn laden kann ich ihn ja mangels Stromanschluss auch nicht und das Tippeln hat Energie gekostet. Aber wenigstens meinen persönlichen Akku kann ich aufladen, indem ich nun endlich als Letzter auch ins Bett gehe. Wird auch Zeit, denn morgen müssen wir ausgeschlafen sein!
Morgen besuchen wir den Präsidenten der vereinigten Staaten! OK, es ist nicht ganz der aktuelle Präsident.
Und sehr wahrscheinlich wird er auch gar nicht da sein, der Hr. Clinton. Warum sollte er auch? Wir haben ihm ja auch nicht ausrichten lassen, dass wir morgen mal in seiner alten Präsidentenbude vorbeischauen. 😉

Meilen bei Abfahrt 341,0
Meilen bei Ankunft: 781,3
Gefahrene Meilen: 440,3 = ca. 709km

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